Bericht Vollgeld-Wochenende 2018 in Berlin

Am Freitag, den 13. und Samstag, den 14. April 2018 haben wir zum bereits 3. Mal das diesjährige Vollgeld-Wochenende in Berlin durchgeführt; diesmal in den Räumen der „Weiberwirtschaft“ (Flyer hier). Einmal mehr sorgten Austausch und Vernetzung, die Vorbereitung für Entwicklung von Kampagnen und Projekten, aber auch viele inhaltliche Diskussionen für die rechte Einstimmung auf unsere Mitgliederversammlung am darauffolgenden Sonntag, den 15. April.

Mit gut 30 Teilnehmern haben sich in diesem Jahr etwas weniger Teilnehmer eingefunden als im Vorjahr, was aber der Qualität der Inputs und der Intensität des Austauschs keinen Abbruch getan hat. Klein aber fein! Nach Begrüßung, Vorstellungsrunde und erstem Kennenlernen war der Freitagabend für kurze Impulsreferate reserviert, die zum Teil bereits Open Spaces am darauffolgenden Samstag einleiteten:

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Zunächst gab Lino Zeddies ein kurzes Update über die jüngsten Entwicklungen in unserer internationalen Dachorganisation IMMR (International Movement for Monetary Reform): Mit 3 neuen Mitgliedern ist das IMMR mittlerweile in 26 Ländern vertreten. Das Budget erlaubt inzwischen die Finanzierung von 2 Teilzeitstellen und die bislang informelle Vereinigung soll alsbald in eine (internationale) Rechtsform gegossen werden.
Jürgen Arnoldt erläuterte, wie Banken nach seiner Ansicht ihr eigenes Eigenkapital erzeugen können („Bootstrapping“).
Petra Leonhardt warnte die Monetative vor zu viel „Debattierklub“ und theoretischem „Kampf um die Nachkommastellen“. Stattdessen sollten die Menschen dort abgeholt werden, wo sie momentan stehen, also bei deutlich weniger Theorie.


Gemäß Hans Scharpf ist möglicherweise ein Hauptgrund für die aktuelle Praxis der Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken der Umstand, dass Juristen diesen Zusammenhang nicht verstehen; ergo müsse auch daran gearbeitet werden.

Hans-Florian Hoyer will eine Geldreform nicht auf die Etablierung des Vollgeldes beschränkt wissen, sondern „über den Tellerrand hinausblicken“ und auch die Frage der Mittelverwendung des geschöpften Geldes in den Fokus rücken.

Für den Filmemacher Oliver Sachs bedarf die Vollgeldreform einer völlig anderen Art der Kommunikation, die nicht nur Daten und Fakten, sondern auch Emotionen umfassen muss. Für ihn sind die Sphären von Mensch und Geld bislang getrennt und haben nichts miteinander zu tun. Das müsse überwunden werden.

Auf den neuesten Stand im Hinblick auf die bevorstehende eidgenössische Volksabstimmung am 10. Juni brachte uns Hansruedi Weber von der Schweizer MoMo (Monetäre Modernisierung), was allerdings nicht durchweg optimistisch stimmen konnte: Seitens des Gegners werde „aus allen Rohren geschossen“, Angst und Panik verbreitet.

Arne Pfeilsticker („Es gibt nichts Besseres als eine gute Theorie!“) hob den Abstraktionsanspruch auf eine weitere Ebene: Für ihn sind Schuldgeldformen wie Kreditgeld „auf der realen Ebene Rechtsbeziehungen zwischen Rechtssubjekten“. Kryptogeld hingegen ist für ihn eine Form des Kurantgeldes und damit Nicht-Schuldgeld.

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Wie bereits im vergangenen Jahr war der Samstag hauptsächlich charakterisiert von Open-Space-Blocks, d.h. diverse Inputs, (Kurz-)Referate und Diskussionen liefen parallel und wurden erst am Abend im Rahmen einer Fishbowl-Diskussion für alle im Plenum wieder zusammengeführt. Die einzige Ausnahme bildete die Vorstellung des Doku-Films „40 Jahre Momo“, einer Neuproduktion von Oliver Sachs, die die bisherige Wirkungs-Geschichte des geldsystemkritischen Märchens von Michael Ende zum Inhalt hat. Weil er auch darüber hinaus der Ansicht ist, dass „ausgewählte Märchen geldpädagogisch“ funktionieren können, leitete Oliver auch gleich einen entsprechenden Workshop „Geld-Bildungs-Projekte“.

„Digital Cash: Vollgeld light oder Vollgeld voll?“ Joseph Huber und Lino Zeddies boten diese offene Diskussion an, die klären sollte, ob und ggf. inwieweit sich Digital Cash als Vorstufe beim Übergang zum Vollgeld eignet.
Peter Hannß kümmerte sich um „Geld als Machtinstrument – was macht Vollgeld besser?“ und Alfred Reimann um das Thema „Notenbank und bedingungsloses Grundeinkommen“. Wer wollte, konnte die Updates zur Schweizer Volksabstimmung vom Vorabend bei Hansruedi vertiefen und diskutieren. Die Lenkungsfunktion des Zinses, Marktverzerrungen durch („falsche“) Preise und die Frage, was passiert, „wenn Geld nichts kostet“, waren die Fragestellungen beim Open Space von Lothar Schnitzler. Arne Pfeilsticker stellte sein „White Paper Geldinfrastruktur“ vor und zur Diskussion. „Praktische Folgen/Schäden/Auswirkungen des jetzigen Geldsystems“ waren ein weiteres Thema.

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Der Anspruch an die anschließende Strategie-Diskussion war eine gewisse Ergebnis-Orientierung. Als wesentliche Visionen bzw. Ziele für den Verein Monetative wurden u.a. herausgearbeitet: Neben weiterhin anzustrebendem Wachstum eine Stabilisierung der Basis und des bislang Erreichten in rechtlicher wie ökonomischer Hinsicht, um eine gewisse Unangreifbarkeit zu erreichen / Klärung der Frage, wie zukünftig effektiv/effizient in der Öffentlichkeit aufgetreten werden soll / Vernetzung als notwendige Voraussetzung einer Weiterentwicklung. Konkret soll Kontakt aufgenommen bzw. die Verbindung vertieft werden zu: Mehr Demokratie, Bundesverband mittelständischer Wirtschaft, Gemeinwohl in BürgerInnenhand, Transparency International, Bedingungsloses Grundeinkommen (Götz Werner), Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), Bund der Steuerzahler, attac, ethische Juristen, Ethik-Bank, Umwelt-Bank, Deutscher Bankangestellten-Verband (DBV), Partei „Die Violetten“.

Der mittlerweile schon traditionelle Kulturpart am Samstag-Abend wurde in diesem Jahr von Christof Jauernig bestritten: Der ehemalige Analyst einer Unternehmensberatung für Banken hat seinen ursprünglichen Job aufgegeben und ist anschließend monatelang durch Südostasien gereist. Die dort entstandenen Fotos und Texte verarbeitet er mittlerweile zusammen mit eigenen Klavier-Improvisationen zu Collage-Sessions betitelt "Gedanken verloren - Unthinking", die er in ganz Deutschland bei Firmen und Banken, sogar bei der europäischen Zentralbank, in Kirchen, Vereinen, Burnout-Kliniken, Kleinkunstbühnen, Yogazentren und Cafes präsentiert und nunmehr eben auch beim diesjährigen Vollgeld-Wochenende der Monetative. Sein Reisebericht ist von besonderer Art, weil er nicht nur von der äußeren, physischen Reise, sondern auch von der parallel dazu erfolgten inneren Reise erzählt. Auch bei uns hat er tiefen Eindruck hinterlassen und „traf auf Menschen, in deren Augen und Worten …. die Sehnsucht nach anderen, ihnen mehr entsprechenden Lebensstrukturen erkennbar wird.“

Am darauffolgenden Sonntag fand dann die Monetative Mitgliederversammlung inklusive Neuwahl des Vorstands statt - Infos dazu gibt es hier.

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Sekretariat Monetative

Die Wurzel der aktuellen Banken- und Staatsschuldenkrise liegt im Geldsystem. Es erzeugt überschießend Kredit und fördert damit Spekulationsblasen ebenso wie Inflation und die Überschuldung vieler Beteiligter, nicht zuletzt die des Staates und der Banken selbst. Finanz- und Realwirtschaft können nur funktionieren auf der Grundlage einer stabilen und gerechten Geldordnung. Deshalb setzen wir uns ein für Geldschöpfung in öffentliche Hand 1. die Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung in der Verantwortung der unabhängigen Zentralbank 2. die Beendigung der Giralgeldschöpfung der Banken 3. die Inumlaufbringung neu geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben.