Bericht Jahrestagung 2017 "Geld. Macht. Ungleich."

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„Geld.Macht.Ungleich – Spaltet die Geldordnung unsere Gesellschaft?“ war am 11./12. Nov. 2017 das Thema unserer diesjährigen Jahrestagung im Frankfurter Ka Eins, die traditionell im herbstlichen November an Geldsystem und Geldreform Interessierte zu uns führt. In diesem Jahr zum 6. Mal und bereits zum 3. Mal in Frankfurt mit gut 70 Teilnehmenden (Flyer hier).
Wir wollten das Thema Geld und Ungleichheit einmal nicht – wie es alle anderen machen – von der Verteilungsseite, sondern eben bereits von der Entstehungsseite her unter die Lupe nehmen: Ob und ggf. inwieweit ist schon die Konstruktion des bestehenden Geldsystems ursächlich für Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen? Liegt z.B. ein Problem darin, dass typischerweise Kredit nur gegen Sicherheiten gewährt wird, also dem, der bereits über Vermögen verfügt? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der überproportionalen Zunahme der Geldmenge und der immer grösser werdenden Kluft zwischen Arm und Reich?

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Dem diesjährigen Thema der Ungleichheit angepasst war auch die diesjährige Form der Erhebung des Tagungsbeitrages: Mit der Anmeldung wurde ein Sockelbetrag von € 20,- erhoben. Darüber hinaus war es den Teilnehmern freigestellt, nach eigenem Gutdünken und entsprechend den persönlichen Möglichkeiten den individuellen Kostendeckungsbeitrag während der Veranstaltung anonym (und möglichst in barem Vollgeld) aufzustocken. Die Finanzierungs-Zwischenergebnisse wurden im Verlauf der Tagung regelmäßig kommuniziert, um solcherart die Zahlungsmoral aufrechtzuerhalten. Die Gesamtkosten i.H.v. 4.259€ wurden zu gut einem Drittel durch den Sockelbetrag finanziert und ein weiteres Drittel konnte durch den Aufstockungsbetrag finanziert werden. Das letzte Drittel trägt der Verein.
Für die Jahrestagung ebenfalls neu und auch für uns ein Experiment (aber vom vergangenen Vollgeld-Wochenende inspiriert und bewährt) war die Form der Veranstaltung: Um Austausch, Diskussion und Vernetzung maximalen Raum zu geben, waren für den Auftakt nur zwei vergleichsweise knapp gehaltene Input-Vorträge vorgesehen, die sich an das Plenum richteten. Die gesamte übrige Zeit gehörte der Interaktion: Parallele Workshops in Open Spaces und eine offene "Fishbowl-Diskussion".

 Aaron Sahr: „Irreguläre Aneignung – Ungleichheit im Keystroke-Kapitalismus“

Aaron Sahr: „Irreguläre Aneignung – Ungleichheit im Keystroke-Kapitalismus“

Inhaltlicher Auftakt war das Referat von Aaron Sahr zum Thema „Irreguläre Aneignung – Ungleichheit im Keystroke-Kapitalismus“. Der Philosoph und Soziologe vom Hamburger Institut für Sozialforschung meint mit dem Keystroke nicht mehr und nicht weniger als die Geldschöpfung der Geschäftsbanken per Tastendruck, eine „paraökonomische Praktik, eine Anomalie im Herzen der kapitalistischen Ökonomie“. Das solcherart erzeugte Kapital ist derart immens angestiegen, dass Sahr neben den bislang bekannten Staat und Markt mit dem Finanzsystem einen dritten „Aneignungsakteur“ konstatiert, der die bisher bekannten Akteure zunehmend unter Druck setzt. Die solcherart induzierte Um- und Ungleichverteilung hält er für weitgehend illegitim. Er steht also zumindest diesbezüglich in der Problemanalyse und -bewertung der Monetative in nichts nach. Als Problemlösungsstrategie thematisiert er neben der Vollgeldreform im (uns) bekannten Sinn die Übertragung des Geldschöpfungsprivilegs auf politische Akteure. Bei einer Vollgeldreform sieht er allerdings die Gefahr, dass die Dominanz der Kapitalproduzenten durch eine Dominanz der Kapitaleigentümer ersetzt wird. Einen entsprechenden Artikel hat Aaron Sahr kürzlich für Le Monde Diplomatiquie "Der wunderbare Geldschalter" verfasst.

 Hansruedi Weber von der Schweizer Vollgeld-Initiative

Hansruedi Weber von der Schweizer Vollgeld-Initiative

Ist die Schweizer Vollgeld-Initiative eine „Volksinitiative zur Überwindung der Ungleichheit?“ fragte sich und uns Hansruedi Weber, der Präsident unserer Schweizer Schwesterorganisation „Monetäre Modernisierung“ und der dortigen Vollgeld-Initiative. Wahrscheinlich bereits kommendes Jahr, am Sonntag, 10. Juni 2018, darf das Schweizer Volk tatsächlich per Volksabstimmung über die damit mögliche Einführung des Vollgeldsystems in der Schweiz befinden. Dass die Schweiz bei der Modernisierung des Geldsystems eine Vorreiterrolle spielt, hat Tradition: Ende des 19. Jahrhunderts war die Schweiz auch bereits das erste Land der Welt, das die Schöpfung privater Banknoten durch Geschäftsbanken verboten und ein entsprechendes Monopol der staatlichen Notenbank etabliert hat. Für Hansruedi Weber besteht damals wie heute das grundlegende Problem darin, dass das private Geldsystem die Souveränität des Staates untergräbt. Denn ohne monetäre Souveränität gibt es für ihn keine staatliche Souveränität. In der täglichen Praxis war und ist die Schweizer Vollgeld-Initiative unter den gegebenen Umständen zwangsläufig in erster Linie eine Aufklärungs-Initiative, die zunächst die Unzulänglichkeiten des Bankengeld-Systems und in der Folge die Chancen einer Vollgeldreform aufzeigen musste und noch immer muss. Ein PDF zu Hansruedi Webers Überlegungen und Positionen findet sich hier.
Aber auch unabhängig vom Ausgang ist dieses Referendum der sichtbarste und ohne Zweifel bislang größte Erfolg der internationalen Vollgeld-Bewegung. 

 Arne Pfeilsticker zur Geldinfrastruktur

Arne Pfeilsticker zur Geldinfrastruktur

Die Anmeldung zu den Open Spaces war während des gesamten Vorlaufs der Tagung und sogar noch kurz vor Beginn möglich. Realisiert wurden schließlich zwei Ergänzungs-/Vertiefungs-/Diskussions-Workshops zu den Input-Vorträgen, ein selbstkonstruiertes Spiel, das die Geldverteilungswirkung erlebbar machte (Dr. Dag Schulze, Marc Sierszen, Jörg Hohwiller), des weiteren Opens Spaces zu den illegitimen Verteilungswirkungen des Giralgeldregimes (Prof. Joseph Huber), zum Cantillon-Effekt (Dr. Eberhard Gamm), zur Seigniorage der Banken aus der Geldschöpfung (Lino Zeddies), zur Geldinfrastruktur (Arne Pfeilsticker und Hans-Florian Hoyer), zu Infrastrukturprogrammen und Vollgeld (Prof. Dr. Eberhard Umbach), zur Bilanzierung des Vollgeldes in der Zentralbankbilanz (Klaus Karwat), zum Modus Operandi von Geld und Zins (Denis Suárez González), zur Frage Vollgeld-Euro oder Vollgeld-DM? (Jürgen Hecht), zum Thema Freigeld und Vollgeld (Dr. Dag Schulze, Thomas Betz) und zur technischen Gestaltung von Online-Diskussionsrunden des Vereins (Ljubomir Bogdanov).

Die Vorträge von Aaron Sahr, Hansruedi Weber, sowie der Workshop von Prof. Joseph Huber können auf unserem Soundcloud-Kanal nachgehört werden. Wir danken Constantin Walter-Thomas für die Audio-Mitschnitte.

Der kulturelle Rahmen der diesjährigen Jahrestagung wurde in diesem Jahr von unserem Mitglied Hans Scharpf sowie dem bildenden Künstler Klaus Gajus Gorsler bestritten und verantwortet: Klaus Gajus Gorsler hat diverse Gedichte von Hans Scharpf in Zeichnungen und Graphiken verarbeitet, die u.a. in der Berliner Galerie Gondwana bereits zur Ausstellung gebracht wurden. Einige besonders gelungene Werke von Gorsler/Scharpf haben wir ausgewählt und diese bildeten nunmehr im Wortsinne den Rahmen diverser angeregter Gespräche im Foyer der Veranstaltungsräume.

 Ein Gesellschaftsspiel zum Geldsystem

Ein Gesellschaftsspiel zum Geldsystem

Am Sonntag-Mittag kam – nach „getaner Arbeit“ – im Rahmen einer Spontan-Inszenierung der erste Teil eines neuen Theaterstücks von Hans Scharpf zur Aufführung, in dem die Problematik der Geldschöpfung durch private Geschäftsbanken mit Fokus auf den sog. „Schuldenstreik“ (gem. Hans Scharpf) auch unter Bezugnahme auf deutsche Literatur-Klassiker thematisiert wurde. Gemäß dem Geist der übrigen Veranstaltung wurden die Darsteller dabei ganz kurzfristig aus den Teilnehmern rekrutiert, was aber der Resonanz beim geneigten Publikum zuträglich war.

 Fishbowl-Diskussion

Fishbowl-Diskussion

Dass die Jahrestagung 2017 der Monetative als voller Erfolg verbucht werden darf, erschließt sich nicht zuletzt auch aus der mittlerweile erfolgten online-Evaluation unter den Teilnehmern.

Nach der Tagung verbleiben wir mit dem Eindruck, dass das Geldsystem bedeutenden Einfluss auf die Verteilung von Einkommen, Macht und Vermögen hat. Da dieser Zusammenhang in der gesellschaftlichen Debatte aber bisher nicht wahrgenommen wird, ergibt sich für unseren Verein der klare Auftrag, auch hier noch stärkere Aufklärungsarbeit zu leisten und wissenschaftliche Forschung in dieser Richtung anzustoßen. Die wachsende Aufmerksamkeit, die das Thema der Ungleichheit in den letzten Jahren erfährt, bietet die Chance, sich aktiv in dieser Debatte einzubringen und das Potenzial einer Geldreform für eine gerechtere Gesellschaft aufzuzeigen.