Die Banken erzeugen "Ungleichheit auf Knopfdruck"

Der Autor Aaron Sahr, der auch auf der Monetative-Jahrestagung am 11. - 12.11. 2017 in Frankfurt auftritt, beschreibt in seinem Buch "Keystroke-Kapitalimus: Ungleichheit auf Knopfdruck" die sozialen Auswirkungen der Banken-Geldschöpfung. Lesen Sie dazu die Rezension von Stefan Freichel:

Um es gleich vorab zu sagen, mit diesem im Bibel-Taschenbuchformat publizierten 176 Seiten hat Dr. Aaron Sahr einen großen Beitrag zur Klärung der soziologischen Frage nach dem Wesenskern unserer heutigen Epoche geleistet.

Was eigentlich ist im heutigen Zeitalter des globalisierten, finanzgetriebenen Kapitalismus anders als früher? Wieso kehren sich ursprüngliche Trends der gesellschaftlichen Entwicklung seit den 70er Jahren um? Wieso wird die Entwicklung zunehmend aus der „Triade aus wachsendem privaten Wohlstand, anschwellenden Schuldenbergen, und zunehmender gesellschaftlicher Ungleichheit“ bestimmt?
Aaron Sahr ist es gelungen, die Strukturen zu identifizieren, die einige wenige bevorzugen und so viele benachteiligen. Dass er dabei die Rolle des Finanzsystems und das ihm innewohnende Geldschöpfungsprivileg der Banken mittels Tastendruck - von Aaron Sahr als „Keystroke-Kapitalismus“ bezeichnet - in den Mittelpunkt seiner soziologischen Ausführungen stellt, mag unter Vollgeld-Diskutanten eine Trivialität darstellen. Jedoch kann das Wie der Darstellung, das Aufzeigen der Verbindungen und Strukturen und das Herausarbeiten der Illegitimität des Geldschöpfungs-Privilegs nur als herausragende soziologische Arbeit bezeichnet werden. Die zunehmende Steigerung der Nachfrage nach Finanzanlagen wird von drei Kräften angetrieben:

1.) Durch die Reichen, die Ihre Geldzuwächse anlegen müssen.
2.) Durch institutionelle Investoren, denen es gelungen ist, die solidarischen Pensionssysteme zu kannibalisieren.
3.) Durch die Realwirtschaft selber, wo viele Unternehmen inzwischen durch Investitionen in Finanzanlagen mehr Kapital generieren als im Kerngeschäft.

Im Vergleich zur Vor-Finanzialisierungs-Epoche ist somit die Bedeutung des in Form von Bankschulden mittels „Keystroke“ erzeugten Kapitals in solch unvorstellbarer Weise angestiegen, dass für Aaron Sahr neben den Akteuren Staat und Märkten ein neuer dritter „Aneignungsakteur“ geboren wurde. Die klare Herausarbeitung der Bedeutung und der Illegitimität dieses neuen „Aneignungsakteurs“, der zunehmend die traditionellen „Aneignungsakteure“ Staat und kapitalistische Märkte unter Druck setzt, ist die große Leistung dieses Buches.

Der Maschinenraum des Finanz-Kapitalismus wird immer stärker durch das Kapital, das durch den Finanzsektor durch „paraökonomischen Prozesse“ erzeugt wird, befeuert. Bankkredite sind für Aaron Sahr „paraökonomische Praktiken, eine Anomalie im Herzen der kapitalistischen Ökonomie“. Der Soziologe wählt den Begriff paraökonomisch. Mir fällt bei diesem schmerzhaften Befund eher die Bezeichnung parasitär ein, was vermutlich ein Beleg ist, keine wissenschaftliche Contenance wahren zu müssen. Der neue dritte „Umverteilungsapparat“ agiert für Aaron Sahr im Gegensatz zu den alten Apparaten Markt und Staat illegitim. Im Gegensatz zur Realwirtschaft, „wo Können immer Haben voraussetzt“, benötigt der neue Apparat kein Haben zur Aneignung. Im Gegensatz zu über Wahlen legitimierter Staatsmacht arbeitet dieser zudem undemokratisch und höchst intransparent im Verborgenen. Dabei sollten nach Aaron Sahr selbst „glühende Neoliberale, die als standhafte Verteidiger unregulierter Märkte auftreten und die Fahne der Freiheit schwingen, die legitimatorische Obdachlosigkeit des Keystroke-Kapitalismus eingestehen müssen.“ Die durch illegitime Umverteilung entstandenen Schäden im Sozialgefüge sind bis dato weitgehen intransparent und daher kaum quantifizierbar. Auch die durch den Apparat generierten Zinsgewinne können als weitgehend illegitime Bereicherung angesehen werden: „Man kann deswegen festhalten, dass die Allgemeinheit (als politische Gemeinschaft) und die Mittel- und Unterschichten (als sozialstrukturelle Gruppen) die Kosten der paraökonomischen Geldschöpfung tragen, während private Unternehmen und Vermögende die Gewinne einbehalten.“

Die Hauptprofiteure sind somit die innerhalb des Apparats tätigen Akteure: Ob Bank- oder Konzerneigentümer oder Ihre Funktionsträger. Alle sind Sie Teilnehmer eines „Plünderungszirkels“ und schustern sich risikolos mittels paraökonomischer Prozesse immer mehr Eigentumsansprüche zu. Diese Entwicklung findet vor den Augen der Öffentlichkeit und 10 Jahre nach der beinah stattgefundenen Kernschmelze der Finanzwelt immer noch im Verborgenen statt. Ein Skandal, der aus meiner Sicht  weitgehend dem Versagen der Ökonomen geschuldet ist. Sie sind teils Lichtjahre von einer wirklichkeitsnahen Beschreibung der ökonomischen Strukturen und Kräfteverhältnisse entfernt. Allzu oft begnügen diese sich lediglich damit, die Aneignungs-Privilegien der Märkte gegenüber dem Staat zu verteidigen und ignorieren zugleich den neuen illegitimen Aneignungsakteur Finanzsektor. Da stellt sich – meiner Meinung nach - schon die Frage, warum man die deutschen VWL-Lehrstühle weiterhin mit Steuergeldern alimentiert und diese nicht direkt mit ihren Ansprüchen an die Profiteure des neuen Apparates verweist. Dass Soziologen wie Aaron Sahr diese Lücke füllen und eine treffende Bestandsaufnahme der heutigen ökonomischen Machtverhältnisse und der daraus resultierenden zunehmenden Ungleichheit liefern, lässt hoffen. Zumal er nicht bei seiner soziologischen Beschreibung verharrt, sondern neue Handlungsmuster zur Auflösung der „legitimatorischen Obdachlosigkeit“ des Keystroke-Kapitalismus einfordert.

Für ihn zeichnen sich zwei Optionen ab, die sich auch gegenseitig ergänzen können: Die erste Option wäre, Banken mittels Vollgeldreform zu ökonomisieren. Die zweite, die Geldschöpfung durch Übertragung des Geldschöpfungsprivilegs auf politische Akteure zu demokratisieren. Dass der Autor höchste Handlungsnotwendigkeit sieht und eher der zweiten Option zuneigt, ohne eine Patentlösung anbieten zu wollen, dokumentiert er im Schlusssatz seines Buches: „Trotz all der nachvollziehbaren Bedenken, die den Alternativen des privatisierten paraökonomischen Privilegs entgegengehalten werden und werden könnten, stehen eher die Bedenkenträger in der Pflicht, das ökonomische und soziale Scheitern des Experiments rein privatwirtschaftlicher Erzeugung von Geld aus dem Nichts zur Kenntnis zu nehmen und sich für das Nachdenken über Alternativen zu öffnen.“

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Es ist schwer, ein sprachlich und inhaltlich so kompaktes Werk in einer Rezension nicht bis zur Unkenntlichkeit zu komprimieren. Viele soziologischen Begrifflichkeiten und logischen Ableitungen des Autors mussten unerwähnt bleiben. Ich empfehle daher allen mit einer soziologischen Sprachwelt vertrauten und an einer „gerechteren Welt“ interessierten Menschen dieses Buch in Gänze zu lesen. Es führt uns nicht nur das Wesen unserer Epoche, sondern auch die Dimension der zukünftigen gesellschaftlichen Verteilungs-Auseinandersetzungen im ungleichen Kampf 2-gegen-1 vor Augen und erklärt uns plausibel und wertneutral die „eingeführten Muster und Aktivitäten“ der Akteure. Dass Aaron Sahr mit seiner älteren Dissertationsveröffentlichung "Das Versprechen des Geldes. Eine Praxistheorie des Kredits" für den "Opus Primum" Preis für die beste wissenschaftliche Nachwuchspublikation nominiert wurde, ist ein weiterer Beleg für die Qualität des Autors. Es wäre schon verwunderlich, wenn er diesen Preis aufgrund der Bedeutsamkeit seines Forschungsgenstandes und seiner sprachlichen Präzision am 22. November 2017 nicht erhalten würde.

Rezension von Stefan Freichel

Aaron Sahr: "Keystroke Kapitalismus" - Untertitel: Ungleichheit auf Knopfdruck - Hamburger Edition 12.- €, 170 Seiten / kleines handliches Format

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Sekretariat Monetative

Die Wurzel der aktuellen Banken- und Staatsschuldenkrise liegt im Geldsystem. Es erzeugt überschießend Kredit und fördert damit Spekulationsblasen ebenso wie Inflation und die Überschuldung vieler Beteiligter, nicht zuletzt die des Staates und der Banken selbst. Finanz- und Realwirtschaft können nur funktionieren auf der Grundlage einer stabilen und gerechten Geldordnung. Deshalb setzen wir uns ein für Geldschöpfung in öffentliche Hand 1. die Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung in der Verantwortung der unabhängigen Zentralbank 2. die Beendigung der Giralgeldschöpfung der Banken 3. die Inumlaufbringung neu geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben.

Österreichische Zentralbank schreibt an Monetative Austria

Es gibt seit einigen Monaten nun auch in Österreich eine Vollgeldinitiative. Sie kritisiert die Geldschöpfung durch Geschäfts­banken als ungerecht und sieht in ihr die Hauptursache für die schwere Finanzkrise 2007ff. Geldschöpfung durch Geschäftsbanken sei wie eine Droge, von der sich das Finanzsystem abhängig gemacht hat, behauptet Dr. Raimund Dietz von der Monetative Austria. Geldschöpfung in öffentlicher Hand würde vieles ins Lot bringen.

In einem schriftlichen Meinungstausch mit der Oesterreichischen Nationalbank bringt Dietz seine Initiative in Position. Die OENB reagiert scheinbar gelassen. Alles im Griff, sagt sie. Wir haben andere Instrumente, obwohl sie heute Instrumente einsetzt, von der sie vor 10 Jahren nicht mal zu träumen gewagt hätte. Dietz erwidert: Die Argumente der OENB seien auf Sand gebaut, sie würden den Standpunkt der Geschäftsbanken vertreten und dem ordnungspolitischen Mandat der OENB nicht nachkommen. Lesen Sie hier den Briefwechsel– die Schreiben klären auf, was Sache ist …. Geld ist zu wichtig, um es nur Experten zu überlassen.

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Sekretariat Monetative

Die Wurzel der aktuellen Banken- und Staatsschuldenkrise liegt im Geldsystem. Es erzeugt überschießend Kredit und fördert damit Spekulationsblasen ebenso wie Inflation und die Überschuldung vieler Beteiligter, nicht zuletzt die des Staates und der Banken selbst. Finanz- und Realwirtschaft können nur funktionieren auf der Grundlage einer stabilen und gerechten Geldordnung. Deshalb setzen wir uns ein für Geldschöpfung in öffentliche Hand 1. die Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung in der Verantwortung der unabhängigen Zentralbank 2. die Beendigung der Giralgeldschöpfung der Banken 3. die Inumlaufbringung neu geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben.

Ökonomen Jahrestagung (VfS): "Alternative Geld- und Finanzarchitekturen“

Ökonomen Jahrestagung (VfS): "Alternative Geld- und Finanzarchitekturen“

Als vor 10 Jahren die Finanzkrise einschlug, wurde die Zunft der Mainstream-Ökonomen davon völlig überrascht, denn typischerweise beschäftigte man sich primär mit theoretischen Gleichgewichtsmodellen, in denen Geld und Banken schlichtweg nicht vorkamen. Geld war für Ökonomen ungefähr so, wie für Fische das Wasser – es war halt irgendwie da.
Aufgrund der andauernden Krise(n) hat sich daran nun einiges geändert und dieses Jahr hat der Verein für Socialpolitik (VfS), die größte deutschsprachige Ökonomenvereinigung, die mehrtägige Jahrestagung vom 03.-09. September 2017 sogar zum Thema „Alternative Geld- und Finanzarchitekturen“ in Wien ausgerichtet.

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Was die politischen Parteien zum Geld- und Finanzsystem fordern

Am 24.9. sind wir aufgerufen, einen neuen Deutschen Bundestag zu wählen. Deshalb hat Monetative e.V. die Programme der dort antretenden Parteien durchgesehen.  Wir veröffentlichen jetzt die Zusammenstellung der entsprechenden Programmteile zum Thema Geld/Finanzen, aufgegliedert in kleine und große Parteien. Zu manchen Passagen haben wir auch einen kurzen Kommentar aus unserer Sicht verfasst. Die Synopse der Programme und unsere Kommentare dazu finden Sie hier.
 

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Die Wurzel der aktuellen Banken- und Staatsschuldenkrise liegt im Geldsystem. Es erzeugt überschießend Kredit und fördert damit Spekulationsblasen ebenso wie Inflation und die Überschuldung vieler Beteiligter, nicht zuletzt die des Staates und der Banken selbst. Finanz- und Realwirtschaft können nur funktionieren auf der Grundlage einer stabilen und gerechten Geldordnung. Deshalb setzen wir uns ein für Geldschöpfung in öffentliche Hand 1. die Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung in der Verantwortung der unabhängigen Zentralbank 2. die Beendigung der Giralgeldschöpfung der Banken 3. die Inumlaufbringung neu geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben.

Stellungnahme von Prof. Joseph Huber zur Schweizer Bankiersvereinigung

Die Schweizer Bankiervereinigung (SBVg) hat vor einigen Wochen eine Studie zur Vollgeldreform gesponsort, in der die Vollgeld-Initiative vehement zurückgewiesen wird. Nun hat Prof. Joseph Huber, Vorsitzender unseres Wissenschaftlichen Beirats, eine Stellungnahme dazu fertiggestellt, in der er einige zentrale Aspekte der Studie zurückweist und insbesondere auf den Zusammenhang von Geld und Kredit und deren Rolle bei der Entstehung von Bank- und Finanzkrisen eingeht. Seine Stellungnahme ist verfügbar auf Deutsch hier und auf Englisch hier

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Die Wurzel der aktuellen Banken- und Staatsschuldenkrise liegt im Geldsystem. Es erzeugt überschießend Kredit und fördert damit Spekulationsblasen ebenso wie Inflation und die Überschuldung vieler Beteiligter, nicht zuletzt die des Staates und der Banken selbst. Finanz- und Realwirtschaft können nur funktionieren auf der Grundlage einer stabilen und gerechten Geldordnung. Deshalb setzen wir uns ein für Geldschöpfung in öffentliche Hand 1. die Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung in der Verantwortung der unabhängigen Zentralbank 2. die Beendigung der Giralgeldschöpfung der Banken 3. die Inumlaufbringung neu geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben.

Das Finanzsystem aus der Sicht eines Mathematikers

Der Mathematiker Walter Tydecks beschäftigt sich mit Geldschöpfung, Derivaten und dem immer komplizierteren Finanzsystem. Das liegt seiner Meinung nach auch daran, dass viele Mathematiker und Physiker inzwischen von der Naturwissenschaft in die Finanzbranche gewechselt sind und sich im Auftrag der Banken komplexe Modelle und Mechanismen ausdenken, die heute die Finanzmärkte dominieren. Lesen Sie seinen Beitrag hier.

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Die Wurzel der aktuellen Banken- und Staatsschuldenkrise liegt im Geldsystem. Es erzeugt überschießend Kredit und fördert damit Spekulationsblasen ebenso wie Inflation und die Überschuldung vieler Beteiligter, nicht zuletzt die des Staates und der Banken selbst. Finanz- und Realwirtschaft können nur funktionieren auf der Grundlage einer stabilen und gerechten Geldordnung. Deshalb setzen wir uns ein für Geldschöpfung in öffentliche Hand 1. die Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung in der Verantwortung der unabhängigen Zentralbank 2. die Beendigung der Giralgeldschöpfung der Banken 3. die Inumlaufbringung neu geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben.

Wir sind Weltmeister im Derivatehandel

Es sind nicht irgendwelche "bösen" ausländischen Staaten,  sondern wir ordentlichen Deutschen selbst: Unser Land liegt weit vorn beim Derivatehandel. Siehe eine Infografik vom Herbst 2016. Gibt es da bei uns eine Regulierungslücke oder warum werden diese Geschäfte vor allem hier getätigt?

Klaus Karwat

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Die Wurzel der aktuellen Banken- und Staatsschuldenkrise liegt im Geldsystem. Es erzeugt überschießend Kredit und fördert damit Spekulationsblasen ebenso wie Inflation und die Überschuldung vieler Beteiligter, nicht zuletzt die des Staates und der Banken selbst. Finanz- und Realwirtschaft können nur funktionieren auf der Grundlage einer stabilen und gerechten Geldordnung. Deshalb setzen wir uns ein für Geldschöpfung in öffentliche Hand 1. die Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung in der Verantwortung der unabhängigen Zentralbank 2. die Beendigung der Giralgeldschöpfung der Banken 3. die Inumlaufbringung neu geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben.

Ein neues Buch darüber, warum die Banken-Buchhaltung unsolide ist und zu Bankenkrisen führt

Rezension des Buches von Michael Schemmann „Offenbarungseid der Deutschen Bundesbank“: Kritik am Aufsatz der Deutschen Bundesbank über die Rolle von Banken, Nichtbanken und Zentralbanken im Geldschöpfungsprozess, erschienen bei amazon.

Michael Schemmann  ist Bankkaufmann, Betriebswirt, emeritierter Professor für Finanz- und Rechnungswesen,  Wirtschaftsprüfer und Betreiber des  IICPA, eines internationalen Instituts für Wirtschaftsprüfer. In seinem knapp 100 Seiten umfassenden Buch antwortet er auf den Monatsbericht April 2017 der Deutschen Bundesbank.  Kernteil ist die Kritik der Buchhaltungsmethodik der Banken, die von der Bundesbank in diesem Monatsbericht ausführlich dargestellt und verteidigt wird. Die Bundesbank beschreibt in diesem Monatsbericht auf S.18, wie die Banken Geld schöpfen:

"Die Gutschrift des Geldbetrages in Form einer Bankeinlage erscheint in der Bilanz des Kunden X als Forderung an die Bank, die Verpflichtung zur späteren Zurückzahlung des Kredits stellt in gleicher Höhe eine Verbindlichkeit des Kunden X an die Bank dar. Spiegelbildlich zum Kundenkonto erhöhen sich in der Bilanz der Bank X deren Forderungen gegen den Kunden und deren Verbindlichkeiten an den Kunden. Im Ergebnis kommt es beim Kreditnehmer und bei der Bank zu einer sogenannten Bilanzverlängerung, zugleich wurden durch diese Buchungsvorgänge 1000 € Buchgeld (hier auch Giralgeld genannt) geschaffen."

Schemmann kommentiert diese Geldschöpfungspraxis der Banken aus dem Blickwinkel des internationalen Standards für Rechnungslegung IFRS. Dort ist definiert, welche Voraussetzungen sowohl Vermögenswerte erfüllen müssen, die auf der Aktivseite eines Unternehmens verbucht werden, als auch Verbindlichkeiten, die auf der anderen Seite der Bilanz stehen.

Die Kernaussage von Schemmann ist: Die Praxis der Bilanzverlängerung bei Banken-Kreditvergaben und damit die Schöpfung von Buchgeld entspricht nicht den IFRS-Kriterien für eine ordnungsgemäße Buchhaltung. Ein neu abgeschlossener Kredit, der als Vermögenswert (Aktivum) gleichzeitig mit einer Verbindlichkeit auf Auszahlung von Geld (Passivum) in der Bankbilanz verbucht wird, so wie es die von der Bundesbank beschriebene Praxis ist, kann weder einen Vermögenswert noch eine Verbindlichkeit begründen, die den IFRS-Kriterien genügen.

Warum:
-Der Vermögenswert (die Kreditforderung der Bank) beruht nicht auf einem echten Geschäftsvorgang und hat keine Kostenbasis, da ja keinerlei Geld dafür tatsächlich ausbezahlt wurde
-Die Verbindlichkeit ist keine echte Verbindlichkeit, da sie ja größtenteils gar nicht ausbezahlt wird, und sie beruht ebenfalls nicht auf einem vergangenen tatsächlichen Geschäftsvorgang.
Der IFRS-Standard schreibt aber sowohl tatsächliche Geschäftsvorgänge als auch eine Kostenbasis für den Eintrag von Vermögenswerten/Verbindlichkeiten in eine Bilanz vor.
Der Kommentar dazu von Schemmann: Moderne Banken sind lediglich zu Unrecht "glorifizierte Buchhaltungsbetriebe" in tempelartigen Gebäuden, die mit einem Vorgang aus der "Trickkiste" der 500 Jahre alten venezianischen "Doppelten Buchführung" Buchgeld schöpfen. Das müsste nicht so sein!

Die Lösung: Vollgeld

Der Autor zeigt in seinem Buch auch, wie die Banken-Buchhaltung korrekt aussehen sollte: Geld muss von den Banken genauso als Aktivum in der Bilanz verbucht werden wie von anderen Unternehmen. Die vom Kreditnehmer benötigte Summe müsste dann mit liquiden Mitteln der Bank ausgezahlt werden, die von der Aktivseite der Bankbilanz abgebucht werden. So wäre das keine Bilanzverlängerung mehr, sondern lediglich ein Aktivtausch in der Bilanz. Eine solche Buchungspraxis würde dann auch den internationalen Standards für Rechnungslegung entsprechen. Dies entspricht auch den Forderungen des Vereins Monetative e.V. (siehe Erklärung "Was wir wollen") und anderen, die sogenanntes „Aktivgeld“ fordern.

Mehrfache „Offene Briefe“ von Schemmann an internationale Wirtschaftsprüfungs-Organisationen (ein aktuelles Beispiel hier), dass die Buchhaltungspraxis der Banken von korrekt arbeitenden Wirtschaftsprüfern nicht akzeptiert werden sollte, hatten bisher keinen Erfolg.

Hoffentlich kann dieses Büchlein dazu beitragen, dass mehr über das Thema Buchhaltung der Banken nachgedacht wird. An Aktualität fehlt es jedenfalls nicht: Jüngst werden wieder italienische Banken gerettet, weil sie unter „notleidenden“ Krediten zusammenzubrechen drohen. Diese Kredite sind nichts anderes als genau die Aktiva, die ohne echte Kostenbasis von Banken in ihre Bilanz aufgenommen werden können und jetzt viel weniger wert sind als vorher behauptet. Das Problem wird uns immer wieder auf die Füße fallen, wenn wir nicht unser Geldsystem ändern!

Klaus Karwat

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Sekretariat Monetative

Die Wurzel der aktuellen Banken- und Staatsschuldenkrise liegt im Geldsystem. Es erzeugt überschießend Kredit und fördert damit Spekulationsblasen ebenso wie Inflation und die Überschuldung vieler Beteiligter, nicht zuletzt die des Staates und der Banken selbst. Finanz- und Realwirtschaft können nur funktionieren auf der Grundlage einer stabilen und gerechten Geldordnung. Deshalb setzen wir uns ein für Geldschöpfung in öffentliche Hand 1. die Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung in der Verantwortung der unabhängigen Zentralbank 2. die Beendigung der Giralgeldschöpfung der Banken 3. die Inumlaufbringung neu geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben.

Österreichische Diskussion über Geldreform in Seitenstetten

Im Bildungszentrum Seitenstetten fand vom 12. - 14.5. eine Dialogveranstaltung mit dem Titel "Schritte in Richtung friedensfähige Geldordnung statt. Hier ein Auszug aus den Aufzeichnungen:

Podium Nachhaltige Geldordnung

Kathrin Latsch MONNETA Hamburg, Univ. Prof. Mag. Dr. Gerhard Senft, WU Wien, Mag. Dr. Marianne Schallhas, Arbeitsgemeinschaft Gerecht Wirtschaften und Univ. Prof. Dr. Richard Werner, Southampton, stellten vor wie Schwierigkeiten in der Finanzarchitektur entstanden sind und in welche Richtungen Auswege gefunden werden könnten. 

 

Kathrin Latsch sprach über Chancen von mehr an Vielfalt bei den Geldsystemen. Über 90% allen Geldes entsteht durch Kredite, geschöpft bei privaten Banken. Dieses Quasi-Monopol sollten wir brechen, u. a. weil es ist nicht demokratisch kontrolliert ist. Wir brauchen Alternativen. Es stimmt nicht, dass man nichts machen kann: Man kann z.B. bei einer Regionalwährung wie „WIR GEMEINSAM“ mitmachen, sich bei der Gemeinwohl-Ökonomie engagieren, oder die Gemeinwohl-Bank unterstützen.

Derzeit müssen in jeder betriebswirtschaftlichen Investition Kapitalrenditen angerechnet werden. Die Kapitalgeber werden systematisch bevorteilt. Es kommt zu: „Wer hat, dem wird gegeben“ – Leute die Wirtschaftswissenschaften studiert haben, verstehen das zu wenig!

Wir brauchen Wachstum an Wissen!

Die Finanzwirtschaft ist ca. 10-mal so groß wie die Realwirtschaft. Dabei entsprechen die Geldvermögen den Schulden, denn Geld entsteht durch Kredit! Die Schulden weltweit betragen 200 Billionen US Dollar.

Ist es eine gute Nachricht, dass die Schulden der Banken relativ zu den Schulden der Staaten und der privaten Haushalte abgenommen haben? Sie sind bei den Staaten gelandet!

Die Bitcoin-Währung ist eher kritisch zu betrachten, die dazu angewendete Blockchain-Technik ist dagegen als positiv zu werten, da sie dezentral, transparent und manipulationssicher ausgeführt werden kann.

 

Gerhard Senft erzählt, dass Adam Smiths Überlegungen mit der Kritik am Merkantilismus begonnen hätte (er stimmt ihm nicht zu, sieht aber Entwicklung durch Kritik.)

Der Euro ist eine große Monopolwährung – Krisen entstanden durch einen zu raschen Einigungsprozess. In den USA dauerte das Ringen für einen gemeinsamen Dollar 100 Jahre.

Es gibt Beispiele aus dem 20. Jhd. dafür, dass Währungsunionen zerfallen sind, wo die Basis gefehlt hat.

Überfluss an Geld bringt überhaupt nichts! Im Dezember 2015 betrug der Umsatz an weltweit gehandelten Derivatpapieren 493 Billionen Dollar, während die globale (reale) Wirtschafts-leistung im ganzen Jahr 2015 rund 73 Billionen Dollar ausmacht. Dies zeigt die Größenordnung der in Gang befindlichen Spekulationsbewegungen.

 

Wir brauchen neue Rahmenbedingungen gegen den Hochfrequenzhandel und können auch beim Bestehenden anfangen.

Derivatehandel kann ja auch sinnvoll sein, z.B. für Fluggesellschaften, wegen des Ölpreises.

Wir brauchen große politische Visionen.

 

Richard Werner studierte 12 Jahre lang das japanische Wirtschaftssystem, konnte Probleme im Voraus erkennen und erklären, da er die Machenschaften der Zentralbanken und ihren Enfluß auf den Bankkredit analysierte. Geld sollte für echte, positive Werte geschöpft werden. Es gibt Probleme, wenn Geld für noch mehr schädlichen Konsum oder für das Recht Vermögenswerte zu kaufen geschöpft wird. Letzteres schafft die Blasen und Bankenkrisen.

Durch Kreditschulden für Finanztransaktionen muss der Preis der Ware ansteigen. Es kommt zur Pyramidensituation - sobald der Preis stoppt, bricht alles zusammen. Bisher haben Zentralbanken diese Zyklen erzeugt, doch könnte Kreditlenkung, z.B. durch ein Verbot für unproduktive Geldschöpfung, diese Blasen und Krisen leicht vermeiden und stattdessen könnten echte Werte finanziert werden. Warum wird das so nicht gemacht?

40% der Kreditausweitung in Spanien und Irland gingen nicht ins BP!

Wurden Krisen bewusst erzeugt? Der heutige Negativzins macht die Kleinbanken kaputt, den Großbanken geht es gut, weil sie spekulieren können. Bezüglich Lösungen erklärte Prof. Werner, dass man die Geldproduktion und –Verteilung in die Hand der Bürger geben müsse, was am Besten in Deutschland durch die 1500 Genossenschaftsbanken und Sparkassen umgesetzt wurde - daher viele Kredite an kleine und Mittelständische Unternehmen und wenig Spekulationskredite in Deutschland, warum in den letzten 80 Jahren auch keine Finanzblase und einheimische Bankenkrise in Deutschland stattfand. Prof. Werner warnte vor Abschaffung des Bargelds, Abschaffung der Bankkreditschöpfung und Einführung von zentralem ‚Vollgeld‘, da dies die Macht der Zentralbanken erhöht, die planen, das Geldmonopol zu erhalten und uns einen Geld-Mikrochip unter die Haut zu pflanzen, was sie mit der Einführung des ‚uneingeschränkten Grundeinkommens‘ verkaufen möchten.

 

Die Frage nach dem „Feind“ führte in einem Pausengespräch zur Gegenfrage: „Ist er überhaupt ein Mensch?“

Es gibt Hinweise darauf, dass er die Ersatzbefriedigung jener Menschen ist, welche den Sinn ihres Lebens, auf Grund ihrer unvorstellbar großen Vermögen, in ihrer Überlegenheit gegenüber der Politik sehen und diese erhalten möchten. 

 

Marianne Schallhas ging auf das vom Moderator Alfred Strigl zitierte Wort von Hölderlin ein: 'Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch'. Es gibt bereits eine Reihe zukunftsweisender Reformvorschläge für ein friedensfähigeres Geldsystem. Diese sollten dringend wissenschaftlich ausgewertet und weiterentwickelt werden. Wünschenswert wäre ein subsidiäres Geldsystem, das sowohl auf die Bedürfnisse der Regionen wie auch auf die Erfordernisse im nationalen und globalen Bereich abgestimmt ist. Frau Schallhas ging anhand des 'Gewaltdreiecks' des Friedensforschers Johan Galtung auch auf Strategien zur Überwindung von direkter, kultureller und struktureller Gewalt ein (nachzulesen z.B. im Ausstellungsführer "Segen und Fluch des Geldes" auf www.arge-gerecht-wirtschaften.at) und verwies auf den "Movement Action Plan" von Bill Moyer (https://www.buergergesellschaft.de/praxishilfen/kampagnen-und-aktionen/phase-ii-die-analyse/exkurs-der-movement-action-plan/). Wir brauchen Mut zur Utopie, sollten mehr anstreben, als erreichbar zu sein scheint.

 

Podium zur Vorstellung der Monetative

 

Das „Vollgeldkonzept“ – Geldschöpfung als Privileg des Staates, wurde von Dr. Raimund Dietz, Monetative A, Thomas Betz, Monetative D und Ewald Kornmann, Vollgeld Schweiz vorgestellt. Siehe www.monetative.at  www.monetative.de  www.vollgeld.ch

Raimund Dietz und Thomas Betz ergänzten einander in der Darlegung.

Geldschöpfung ist ein außerökonomischer Akt. Daher steht sie nur dem Souverän – einer unabhängigen Zentralbank – zu. Sie sollte dem Gemeinwohl verpflichtet, aber absolut unabhängig agieren (wie etwa der Verfassungsgerichtshof) und in den Rang einer vierten Macht im Staate, neben die Legislative, Exekutive und Judikative gehoben werden. Wirtschafts­subjekte, auch Banken, sollen nur normale Geldgeschäfte – Kauf und Verkauf, Kredit und Investments – auf ihre Verantwortung betreiben. Dabei soll jedoch kein Geld entstehen. Geldschöpfung und Geldverwendung würde dann getrennt sein. Das würde das ganze Finanzsystem beruhigen und auf ein vernünftiges Maß zurückführen.

Geld muss in einer bestimmten Menge vorhanden sein. Daher muss es von irgendwoher kommen. Modernes Zeichengeld (Papier- und Buchgeld) kann faktisch kostenlos und unbegrenzt geschöpft werden. Wer, wenn nicht der Souverän, soll für die Steuerung der Geldmenge verantwortlich sein? Außerdem: Die Schöpfung von Zeichengeld führt zu einer kostenlosen Kaufkraftaneignung. Dieses Vorrecht steht nur dem Souverän zu. Die Instabilität der historischen Geldsysteme beruht vor allem darauf, dass diese Grundregel nicht eingehalten wird. Das heutige Geldsystem ist gespalten. Das eigentliche, legale Geld (Banknoten und Münzen) macht nur mehr Bruchteile aus. Über 90% der Geldmenge sind Buchgeld, geschaffen von Banken.

Daher ist die Geldschöpfungsmacht, die nur dem Souverän – einer unabhängigen, und demokratisch zu legitimierenden Institution zusteht, den Geschäftsbanken zugefallen.  Mit schlimmen Folgen, wie die Finanzkrise, die noch lange nicht überwunden ist.

Unter Vollgeldbedingungen wäre das Geld (M1) völlig sicher. Das Geld würde schuldenfrei in die Wirtschaft kommen, die Gesellschaft würde viel weniger von Schulden bedrückt sein. Dem Staat, nicht den Banken, würde der Geldschöpfungsgewinn zufallen. Beim Übergang des alten zum neuen System würde ein Geldschöpfungsgewinn anfallen, der so hoch wäre, dass ein Großteil der Staatschulden getilgt werden könnte. Banken würden wie bisher agieren. Vollgeld bedeutet keine Zentralisierung des Kreditwesens! Es sei mit den liberalen Grundsätzen einer Gesellschaft voll kompatibel.

Das Konzept erfreute sich zunehmenden Interesses. Es gibt bereits in mehr als 25 Ländern eine Vollgeldbewegung.

Raimund Dietz auf die Frage zur Sicherheit von Sparguthaben und anderen Geldvermögen: Diese seien nie ganz sicher, weil die Zukunft nicht sicher ist.

 

Ewald Kornmann (Schweiz) erzählte von der Vollgeld Initiative Schweiz: In der Schweiz haben sich ca. 130.000 Menschen für dieses Konzept ausgesprochen. Es wird bald zu einer Volksabstimmung kommen. Es gibt hier 55 Mitarbeiter, ehem. Politiker, Leute aus dem IT- und auch Bankenbereich. Man hat sich tolle Ideen einfallen lassen, um das Konzept unter die Leute zu bringen. Man ließ z.B. ein aufblasbares riesiges rotes Sparschwein mit der Aufschrift: „Nur echte Franken für mein Konto!“ durch die Landschaften schweben.

Das gesamte Protokoll finden Sie hier.

 

 

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Nachruf auf Stephen Zarlenga (1941 - 2017)

Am 25 April verstarb Stephen Zarlenga in seinem Haus in Chicago. Er war auf dem Weg der Besserung nach einer Hirnoperation im Jahr zuvor, aber es stellten sich doch Komplikationen ein.

Mit Stephen verliert die neuere amerikanische und internationale Geldreformbewegung einen ihrer Wegbereiter und profiliertesten Köpfe. 1996 gründete er zusammen mit Lucienne DeWulf das American Monetary Institute (AMI), dessen Direktor er seither war. Die von ihm organisierten jährlichen Monetary Reform Conferences am Chicago University Center sind Legende. Sie waren – und bleiben hoffentlich – ein Treffpunkt von Geldsystemanalytikern und Reformern aus den USA, Europa und anderen Ländern, Leuten unterschiedlicher fachlicher Funktion in Wissenschaft, Finanzpraxis und Politik, und jeden Alters.

Stephen wurde 1941 in Chicago als Kind italienischer Einwanderer geboren. Nach Beendigung des Studiums an der University of Chicago 1963 bereiste er zunächst Europa und arbeitete dann in den USA über drei Jahrzehnte als institutioneller Anleger im Versicherungs-, Fonds- und Immobiliengeschäft.

In den 1990ern wandte er sich vom Investment Business ab, um sich der Finanzwissenschaft und besonders der Geldgeschichte zu widmen. 1999 erschien sein Hauptwerk, zuerst auf Deutsch in Zürich unter dem Titel Der Mythos vom Geld, die Geschichte der Macht, 2002 dann die amerikanische Ausgabe The Lost Science of Money. The Mythology of Money, the Story of Power – eine faktenreiche, in hohem Maß Wissens-bildende und exzellent geschriebene Geschichtsreise von der Antike bis zur Gegenwart.

Während der 2000er Jahre arbeitete Stephen vor allem an einer Geldsystemanalyse auf der Höhe der Zeit und der Entwicklung eines dementsprechenden Reformansatzes für die USA, anfänglich noch beeinflusst von den Ideen einer 100%-Reserve aus den 1930ern, bald aber im Sinn des heutigen Vollgeldansatzes jenseits des Reservebanking.

Das Ergebnis war der Entwurf des N.E.E.D. Act (National Emergency Employment Defense Act, HR 2990). Vorgesehen ist darin erstens die Verstaatlichung der immer noch privaten Federal Reserve der USA und ihre Weiterführung als eine National Monetary Authority (dt. Monetative), zweitens die Ersetzung des Bankengiralgeldes durch das Vollgeld dieser Monetative, dadurch drittens die Ablösung des heutigen geteilten Geldkreislaufs – einerseits unter Banken mit Reserven, andererseits unter Nichtbanken mit Giralgeld – durch einen allgemeinen Vollgeldkreislauf, sowie viertens die Inumlaufbringung neuen Geldes u.a durch umfangreiche öffentliche Infrastruktur-Investitionen. Fünftens sollte die einmalige Konversions-Seigniorage dazu dienen, die US Bundesschulden abzubauen. Der N.E.E.D. Act steht damit in einer Linie mit dem Reformprogramm des Vereins Monetative, der Londoner Positive Money und anderer Geldreform-Initiativen. Zwischen Stephen und diesen bestanden über die Jahre hinweg freundschaftliche Beziehungen.

Im Sept 2011 wurde der N.E.E.D. Act vom Demokratischen Kongressabgeordneten Dennis Kucinich aus Ohio ins Repräsentantenhaus eingebracht. An diesem Prozess wie schon der Ausarbeitung des Plans war auch Jamie Walton beteiligt. Kaoru Yamaguchi unternahm eine System Dynamics Modellierung des N.E.E.D. Act. Der Gesetzesentwurf wurde von vielen Abgeordneten unterstützt, eine schließliche Abstimmung blieb jedoch aus.

Stephen hinterlässt eine große schmerzliche Lücke. Es bleibt zu hoffen, dem Freundes- und Kooperantenkreis des AMI möge es gelingen, Stephen's Werk für eine Vollgeldreform in Amerika auf noch verbreiterter Grundlage fortführen.  

Joseph Huber

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Sekretariat Monetative

Die Wurzel der aktuellen Banken- und Staatsschuldenkrise liegt im Geldsystem. Es erzeugt überschießend Kredit und fördert damit Spekulationsblasen ebenso wie Inflation und die Überschuldung vieler Beteiligter, nicht zuletzt die des Staates und der Banken selbst. Finanz- und Realwirtschaft können nur funktionieren auf der Grundlage einer stabilen und gerechten Geldordnung. Deshalb setzen wir uns ein für Geldschöpfung in öffentliche Hand 1. die Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung in der Verantwortung der unabhängigen Zentralbank 2. die Beendigung der Giralgeldschöpfung der Banken 3. die Inumlaufbringung neu geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben.

Ergebnisse unserer Umfrage zu Arbeitsschwerpunkten von Monetative e.V.

Im April 2017 hatten wir bei Mitgliedern und Unterstützern eine Umfrage zu Schwerpunkten unserer Arbeit durchgeführt. Die Ergebnisse kurz zusammengefasst:  Als Spitzenreiter bei den Schwerpunkten unserer Arbeit wurden zwei Themen gewählt: „Bildungsarbeit mit gut verständlichen Erklärungen über das Geldsystem“ und „Das Thema in die Medien bringen“.

Die beiden Forschungsthemen, die das meiste Interesse weckten waren „Auswirkungen von Vollgeld auf das Eurosystem“ und „Demokratisierung von Zentralbanken“.

Das politische Thema, das die Befragten am meisten besorgte, waren die extremen Vermögensunterschiede in unserer Gesellschaft, auf Platz zwei folgte der Klimawandel und die Zerstörung unserer Umwelt.

Wie wahrscheinlich sind konkrete Schritte Richtung Vollgeld in den nächsten Jahren: Das schätzten die Befragten sehr unterschiedlich zwischen „sehr optimistisch“ und „sehr pessimistisch“ ein (mit einem pessimistischen Übergewicht), die meisten Teilnehmer lagen ungefähr in der Mitte. Die genauen Ergebnisse der Umfrage finden Sie hier.

Als eine Konsequenz dieser Umfrage wird sich unsere nächste Jahrestagung in Frankfurt/Main am 11.11.2017 mit dem Thema „Vermögensverteilung und Geldschöpfung –  Zusammenhänge und Reformvorschläge“ (Arbeitstitel) befassen. Wer dazu etwas einbringen will bzw. interessante Referenten kennt, soll bitte mit uns in Kontakt treten (mail@monetative.de).  

Klaus Karwat

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Sekretariat Monetative

Die Wurzel der aktuellen Banken- und Staatsschuldenkrise liegt im Geldsystem. Es erzeugt überschießend Kredit und fördert damit Spekulationsblasen ebenso wie Inflation und die Überschuldung vieler Beteiligter, nicht zuletzt die des Staates und der Banken selbst. Finanz- und Realwirtschaft können nur funktionieren auf der Grundlage einer stabilen und gerechten Geldordnung. Deshalb setzen wir uns ein für Geldschöpfung in öffentliche Hand 1. die Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung in der Verantwortung der unabhängigen Zentralbank 2. die Beendigung der Giralgeldschöpfung der Banken 3. die Inumlaufbringung neu geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben.

Das Vollgeld-Wochenende 2017

ein Balkon lud ein, das FrühlingsWetter zu geniessen

ein Balkon lud ein, das FrühlingsWetter zu geniessen

Von Fr., 31.03. - So., 02.04.2017 fand zum nunmehr 2. Mal das „Vollgeld-Wochenende“ statt, das seit 2016 jeweils im Frühjahr der Monetative Mitglieder-Vollversammlung einen inhaltlichen, kommunikativen und sozialen Rahmen gibt. Hoch über den Dächern von Prenzlauer Berg ging’s im Berliner Veranstaltungszentrum Pfefferberg hoch her unter den 51 Teilnehmern und unter der Einwirkung der ersten Frühlings-Sonnenstrahlen und eines hervorragenden veganen Caterings, das uneingeschränkt und allseits gelobt wurde.

Noch deutlicher als im vorangegangenen Jahr war das Programm offen, flexibel, interaktiv und vernetzungsförderlich gestaltet. So standen Freitagnachmittag und -abend zunächst auch ganz im Zeichen von Begrüßung, Vorstellungsrunde und Kennenlernen. Den inhaltlichen Auftakt bildeten dann ein Einführungsvortrag zur Vollgeldreform für „die Neuen“ sowie mehrere kurze Impuls-Vorträge. 

Ralph Boes zu Reformen der Demokratie

Ralph Boes zu Reformen der Demokratie

Am Samstagmorgen wurde die Flexibilität dann gleich auf die Probe gestellt: Zwei ursprünglich nur als Workshop-Inputs im Rahmen des 1. OpenSpace-Blocks vorgesehene Beiträge fanden so grossen Zuspruch unter den Teilnehmern, dass es am Vormittag dann - ganz oldschool-mässig - Frontalunterricht für alle gab:

Marius Krüger stellte den Zins und insbes. den Zinseszinseffekt in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen und veranschaulichte dessen Sprengkraft mit dem sog. Josephs-Pfennig: Ein Euro-Cent, im Jahre 0 zu 5% angelegt, hätte 2017 bereits zu einem Vermögenszuwachs i.H.v. 248 Mrd. Goldkugeln von der Grösse der Erde geführt. Der „Umverteilungsmechanismus Zins“ ist für ihn ursächlich für die Eskalation von Geldvermögen und Schulden. In Anlehnung an Bernd Senf ist er auch der Meinung, dass der Zins im Zusammenwirken mit der Geldschöpfungspotentialität der Geschäftsbanken zum Geldmengenproblem führt, aber auch zum Wachstumsdruck, zur sozialen Krise, zur Staatsverschuldung, zur ökologischen Krise und zur Schuldenkrise der 3. Welt.

Dag Schulze Stellt das Gleichgewichtsgeld vor

Dag Schulze Stellt das Gleichgewichtsgeld vor

Dag Schulze verglich die Wachstums- und Verteilungswirkungen von drei Geldsystemen: Das herkömmliche, real existierende, das Vollgeldsystem und das sog. Gleichgewichtsgeld (GGG):

In einem Wirtschaftssystem mit kreditgeschöpftem Schuldgeld bleibt gemäß Schulze der Geldkreislauf nur mit positiven Zinsen und Vermögensrenditen in Bewegung. Daher müssen die Geldmengen und die Geldvermögen im Laufe der Zeit immer
weiter anwachsen, damit der Geldkreislauf gewährleistet ist. Kreditgeschöpftes Schuldgeld führt durch seine Konstruktion aber auch unweigerlich zu Vermögenskonzentration und Polarisation zwischen Arm und Reich. Vermögensrenditen müssten bei Null liegen, um Verteilungsneutralität und Nullwachstum zu gewährleisten und negativ sein, um die Vermögenskonzentration abbauen und die Wirtschaft schrumpfen lassen zu können.  
Das von ihm daher favorisierte Konzept des Gleichgewichtsgeldes verbindet gewissermassen die Lösungsvorschläge aus drei Welten: Wie beim Vollgeldkonzept wird auf die Geldschöpfung der Geschäftsbanken verzichtet. Gem. der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens erfolgt eine tägliche Guthabengeldschöpfung mit einem festen Betrag pro Kopf. Und klassisch freiwirtschaftlich ist schließlich das Konzept der automatischen Geldvernichtung per Schrumpfung von Vermögen, progressiv ab einem gewissen Freibetrag.

Die darauf einsetzende Diskussion gestaltete sich erwartungsgemäss deutlich kontrovers und wurde auch noch am Nachmittag weitergeführt. Neben Fragen inhaltlicher bzw. konstruktionstechnischer Natur ging es dabei auch immer wieder um die strategische Ausrichtung der Vollgeldbewegung: Soll sie sich tatsächlich auf das ursprüngliche Anliegen beschränken, um sich nicht zu überfrachten und dadurch auch möglichst anschlussfähig für möglichst viele zu bleiben, oder doch auch mit anderen (durchaus geldreformerischen) Konzepten und Ideen verbrüdern - wie in den Referaten angedacht („Gemeinsam sind wir stark!“).

Eine Open Space Runde

Eine Open Space Runde

Der Nachmittag war aber ansonsten gekennzeichnet von OpenSpace-Blocks im ureigentlichen Sinne; d.h. diverse Inputs, (Kurz-)Referate und Diskussionen liefen parallel und wurden erst am Abend im Rahmen einer Fishbowl-Diskussion für alle wieder zusammengeführt. Die Palette könnte bunter kaum sein: Das Fair Finance Institute und das Netzwerk Finanzwende wurden vorgestellt (Markus Duscha), ebenso die Idee eines Staatsfonds aus Vollgeld-Seignorage auf Basis des norwegischen Staatsfonds (Detlef Baer). Weitere Themen waren „Demokratie & Geldreform“ (Ralf Boes), „Euro und Vollgeld“ (Andreas Barke, Jürgen Hecht), „Möglichkeiten der Mitarbeit bei der Monetative“, „Entwicklungen der intl. Vollgeldbewegung“ (Lino Zeddies), „Wie machen wir Vollgeld zum Thema der Bundestagswahl?“ (Klaus Karwat), „Notenbank, bedingungsloses Grundeinkommen und Vollgeld“ (Alfred Reimann), „Konkret wie könnte/sollte Vollgeld eingeführt werden?“ (Thomas Betz), „Analogie der Mengenbilanz und Bilanzierungstechniken“ (Tobias Heinz), „Wie muss die Monetative konkret ausgestaltet werden?“ und weitere Themen, die sich zum Teil spontan ergaben und die ebenso spontan diskutiert wurden.

Im Rahmen der Fishbowl Diskussion „Die Zukunft des Geldsystems“ war man sich darin einig, dass sich die Monetative auch und gerade im Hinblick auf einen weiterhin zu erwartenden Crash inhaltlich schlüssig und auch beizeiten positionieren muss („Dann kommen wir und haben was zu bieten.“, „Krise als Chance!“). Dagegen wurde die Option, im Rahmen der bestehenden Verhältnisse die „Macht“ im klassischen Sinne und mit klassischen Mitteln zu bekämpfen, eher kritisch betrachtet. In absehbarer Zeit sei es durchaus auch denkbar, dass Banken in starke Bedrängnis geraten, durch finanztechnische Innovationen einerseits, andererseits aber auch durch den Umstand, dass z.Zt. Renten-, Staats- und auch andere Fonds schneller wachsen als Banken. In einer solchen Situation sei es sogar vorstellbar, dass „Banken auf uns zukommen, weil sie so noch eine Zukunft haben“. Hoffen lasse auch die Generation der gegenwärtigen Start Ups: Sie sei deutlich aufgeschlossener gegenüber Innovationen jedweder Art im Verhältnis zu vorangegangenen Unternehmergenerationen. Und sowieso gebe es zu Pessimismus keinerlei Anlass: Die Erfolge der Vollgeld-Bewegung, auf nationaler wir auf internationaler Ebene, stellten und stellen bislang alle in sie gesetzten Erwartungen in den Schatten. Das gelte schliesslich und letztlich auch, so die einhellige Meinung, für das sich nunmehr dem Ende zuneigende Vollgeld-Wochenende.

Das Abendbuffet

Das Abendbuffet

Das Money Makers Gesellschaftsspiel

Das Money Makers Gesellschaftsspiel

Der kulturelle Höhepunkt des Abends war in diesem Jahr die Vorstellung eines neuen Brettspiels, das Mitglieder unserer holländischen Schwesterorganisation „Ons Geld“ entwickelt haben und das sie mittlerweile auch bereits professionell vertreiben, mit sehr grossem Erfolg zum einen in kommerzieller, aber auch in didaktischer Hinsicht: Im Wortsinne spielerisch werden bis zu sechs Mitspieler mit den Problemen einer Realökonomie konfrontiert, in der auch geldschöpfende und dadurch privilegierte Geschäftsbanken real sind, ebenso wie die durch diese verursachten Krisen, Inflationen, Deflationen, Bankruns und massenhaften Bank-Zusammenbrüche. Nach der - seit der Weihnachtszeit restlos ausverkauften - holländischen Ausgabe ist nunmehr auch eine englische sowie eine deutsche Auflage in Vorbereitung. Unsere holländischen Freunde hatten dankenswerterweise mehrere Exemplare sowie fachkundiges Personal zur Verfügung gestellt. Und so konnte zu später Stund’ an mehreren Spieltischen das tagsüber theoretische Erarbeitete gleich in der Praxis erprobt werden - eine optimale Einstimmung und Vorbereitung auf die Mitgliederversammlung am darauffolgenden Sonntag…

Wirken die geldpolitischen Instrumente der Bundesbank noch?

Kritischer Kommentar zum Artikel der Bundesbank Die Rolle von Banken, Nichtbanken und Zentralbank im Geldschöpfungsprozess, Bundesbank Monatsberichte, 69. Jg, Nr. 4, April 2017, 15–36.     

In ihrem Monatsbericht vom April 2017 beschreibt die Bundesbank zusammen­hängend und zutreffend, wie die Banken pro-aktiv Giralgeld schöpfen (Guthaben auf Girokonten) und die Zentralbank bei Bedarf diese Guthaben nachträglich refinan­ziert.  Veralteten Lehrmeinungen, etwa, die Banken seien Finanzinter­me­diäre, die Zentralbank-Reserven oder Kunden-Giralgeld weiterleihen, wird aus­drück­lich widersprochen. Damit wird faktisch auch das überholte Multi­pli­kator­modell verabschiedet. Klipp und klar wird gesagt, was unsereiner viele Jahre lang vertreten hat: Jede Zahlung von Banken an Nichtbanken erzeugt Giral­geld, jede Zahlung von Nichtbanken an Banken löscht Giralgeld.

Leider bleibt im Artikel der Bundesbank der ein oder andere Aspekt unter­belich­tet. Zum Beispiel wird nicht deutlich erklärt, dass Bargeld im bestehenden Giral­geld­regime nicht mehr System-bestimmend, sondern nur noch eine nachge­ordnete technische Wechselmenge des Buchgelds ist. Nur noch etwa 10% des öffentlichen Geldumlaufs ist Bargeld, 90% Giralgeld. Das hat Folgen fürdie Geld­politik.

Ebenso wichtig: die Bruchteiligkeit (Fraktionalität) der Reservenbasis wird nicht thematisiert, also die Tatsache, dass der Bankensektor, um 100 Euro Giralgeld zu schaffen und in Umlauf zu halten, nur etwa 2,5–3 Euro Zentralbankgeld benöti­gt – davon 1,40 Euro für die Geldautomaten, 10–50 Cents als liquide Interbanken-Zahlungsreserve (Überschussreserve) und 1,00 Euro für die Mindest­reserve­pflicht (die geldpolitisch längst keine Funktion mehr hat, nur noch, in Normal­zeiten, und falls überhaupt, zum Zinsgewinn der Zentralbank beiträgt).

Stattdessen wird gesagt, dass eine Bank für jede Auszahlung Bargeld in voller Höhe benötig und für jede Überweisung zu einer anderen Bank liquide Reserven in voller Höhe. Das ist zwar zutreffend, aber ohne weitere Erläuterung suggeriert es in unzutreffender Weise, das Giralgeld sei voll gedeckt, quasi im Sinn einer 100%-Reserve. Tatsächlich aber besteht nur die extreme Bruchteil-Refinan­zierung des Giralgeldes. Möglich ist dies dadurch, dass die Zahlungsreserven im Interbanken­kreislauf viele Male schneller zirkulieren (häufiger genutzt werden) als das Giralgeld im Publikumskreislauf. Dadurch benötigen die Banken nur für etwa 3% ihrer Geschäfte Zentralbankgeld, während 97% oder noch mehr des Geldes sie nichts kostet – ein fürstliches Privileg, in der Tat eine Quasi-Seigniorage, der freilich die Legitimität fehlt.

Trotz oder gerade wegen dieser Zusammenhänge verwendet der Bundesbank-Artikel etliche Seiten darauf, zu erklären, warum die Zentralbanken durch ihre Leitzinspolitik die Lage gleichwohl im Griff hätten. Was sollte eine Zentral­bank sonst sagen? Aber wer soll das noch glauben? Aufgrund der pro-aktiven Giral­geld­schöpfung der Banken ist eine Geldmengenpolitik schon lange nicht mehr möglich und folglich aufgegeben worden. Der Monetarismus war zum Scheitern verurteilt, weil er von falschen Annahmen ausging, darunter eine Transmissions­wirkung durch vermeintlich vor-gegebene Reserveposi­tio­nen.

Auch die kurzfristige Zentralbank-Zinspolitik ist längst zu einem schwachen Instru­ment geworden mit kurzem oder gar keinem Transmissions-Hebel mehr. Wo, jenseits der Interbanken-Reservenleihe, sollte eine Transmis­sions­wirkung auf das Giralgeld und den öffentlichen Geldkreislauf denn her­kommen, wenn nur noch 10% des Geldumlaufs aus Zentralbankgeld besteht (hier Bargeld) und nur 2,5–3% des Giralgeldes der Banken oder weniger refinanziert zu werden brauchen? In begrenztem Rahmen wirksam ist nur noch die büro­kratische Preis­admini­stration etlicher Banken, wenn sie ihre Zinsen für Überziehungs- oder Hypothekarkredit festsetzen in Anlehnung an einen zurück­liegenden Inter­banken­zins (z.B. EONIA) plus Aufschlag. Allein das 'unkon­ven­tionelle' massive Quantitative Easing (Monetisierung von Staatsschulden und ggf auch anderen Schuldverschreibungen) zum Zweck der Zinsrepression hat noch Wirkungen – wenn auch höchst fragwürdige.

Ungeachtet dieser Kritik stellt die Publikation der Bundesbank einen will­kom­menen, quasi amtlichen 'Leitartikel' dar, um die in Sachen Geldschöpfung gänzlich verstaubten Lehrtexte auf die Höhe der Zeit zu bringen.

Joseph Huber

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Sekretariat Monetative

Die Wurzel der aktuellen Banken- und Staatsschuldenkrise liegt im Geldsystem. Es erzeugt überschießend Kredit und fördert damit Spekulationsblasen ebenso wie Inflation und die Überschuldung vieler Beteiligter, nicht zuletzt die des Staates und der Banken selbst. Finanz- und Realwirtschaft können nur funktionieren auf der Grundlage einer stabilen und gerechten Geldordnung. Deshalb setzen wir uns ein für Geldschöpfung in öffentliche Hand 1. die Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung in der Verantwortung der unabhängigen Zentralbank 2. die Beendigung der Giralgeldschöpfung der Banken 3. die Inumlaufbringung neu geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben.

Bundesbank äußert sich zu Banken-Geldschöpfung - wir antworten!

Die Bundesbank äußert sich in ihrem Monatsbericht 4/2017 ausführlich zum Thema „Geldschöpfung der Banken“. Dies begrüßen wir, denn so kann weiter mit dem tiefsitzenden Mythos aufgeräumt werden, Banken seine reine Intermediäre, also Vermittler von Geld zwischen Sparern und Kreditnehmern. Die Bundesbank schafft so Klarheit darüber, wie unser Geldsystem tatsächlich funktioniert: Es sind die Geschäftsbanken selbst, die das Geld schöpfen/emittieren, das wir alle benutzen. Ein großer Fortschritt, denn es ist noch nicht lange her, dass sich Experten, die auf die Geldschöpfung der Banken hinwiesen, heftiger Angriffe erwehren mussten.

Bundesbank schreibt über 100%-Geld, nicht über Vollgeld

Auch befasst sich die Bundesbank erstmals öffentlich mit der Idee, den Banken die Kompetenz zur Geldschöpfung zu entziehen. Anders als teilweise dargestellt (z.B. in der FAZ vom 24.4.17: „Bundesbank gegen Vollgeld“) befasst sie sich aber nicht mit der Vollgeldreform, so wie sie demnächst in der Schweiz zur Abstimmung steht und auch vom Verein Monetative e.V. befürwortet wird. Sondern mit dem wesentlich älteren Vorschlag „100%-Geld“, der auf ein Buch des berühmten amerikanischen Ökonomen Irving Fisher von 1935 zurückgeht.

Vollgeld und 100%-Geld sind zwar von der Intention miteinander verwandt, denn beide Vorschläge zielen darauf ab, den Banken die Möglichkeit der Geldschöpfung zu entziehen. Diese Kompetenz soll allein einer öffentlichen Stelle übertragen werden. In einer Vollgeldreform, wie sie seit ca. 10 Jahren diskutiert wird, werden Zentralbankgeld und Bankengeld zu einer Geldart (Vollgeld) zusammengeführt, das nicht mehr als Verbindlichkeit, sondern als Aktivum in den Bank- und Zentralbankbilanzen verbucht wird. Vollgeld existiert als Bar- und als Buchgeld und ist per se vollgültiges gesetzliches Zahlungsmittel. Im 100%-Geld-Vorschlag hingegen soll eine Art von frei schöpfbarem Geld (Giralgeld = Bankengeld) mit einer anderen Art von Geld (Reserven und Bargeld = Zentralbankgeld) gedeckt werden. Das macht gerade heute keinen Sinn mehr, da ja Bargeld nicht mehr mit Gold gedeckt wird (anders als zu Zeiten von Irving Fisher). So argumentiert die Bundesbank dann auch aus unserer Sicht zutreffend, dass eine erhöhte Reservehaltung die Geldschöpfung der Geschäftsbanken gar nicht signifikant einschränkt. Denn es wären ja nach wie vor die Banken, die uns mit Geld versorgen, nicht die Zentralbanken. Diese müssten, wie schon bisher, nur im Nachvollzug dafür sorgen, dass die Banken genügend Zentralbank-Reserven zur Deckung zur Verfügung haben. Kontraproduktiv wird ein solcher Mechanismus, wenn diese Reserven von der Bundesbank verzinst werden, also eine Einnahmequelle für die Banken darstellen.

Mit einer Vollgeldreform hat sich die Bundesbank in diesem Bericht eben nicht befasst, und sie erwähnt den Begriff auch kein einziges Mal. Der Titel des entsprechenden Abschnitts heißt ja „Anmerkungen zu einer 100-prozentigen Deckung von Sichteinlagen durch Zentralbankreserven.“ Dabei verteidigt die Bundesbank das bisherige System, in dem private Banken selbst Geld produzieren.

Dünne Argumente der Bundesbank für Banken-Geldschöpfung

Die Bundesbank führt nur wenige Argumente an, um die Geldschöpfungs-Kompetenz der Geschäftsbanken zu verteidigen:

Da ist zum einen die Behauptung, die Beendigung der Bankengeldschöpfung würde dazu führen, dass die Banken zu keiner Fristentransformation mehr in der Lage seien. Den Begriff „Fristentransformation“ in der Diskussion über Geldschöpfung der Banken zu verwenden, ist aus unserer Sicht irreführend: Es wird der Eindruck erweckt, als würden Kunden ihr Geld mit kurzer Kündigungsfrist einlegen und die Bank dieses Geld langfristig als Kredite weiterverleihen. Das ist ein Denken, in dem Banken als Finanzintermediäre gesehen werden. Dass dies nicht so ist, hat die Bundesbank in ihrem Monatsbericht eindeutig klargestellt. In einem System ohne bankeigene Geldschöpfung können Banken, die die Anlagegewohnheiten ihrer Kunden kennen und genug Eigenkapitalpuffer haben, nach wie vor eine gewisse Fristentransformation betreiben. So wie das heute schon Verwalter von bereits bestehendem Geld machen. Aber sie können nicht mehr ihre sofort fälligen, also kurzfristigen Schulden zu Geld erklären und damit selbst Geld produzieren.

Darüber hinaus spricht die Bundesbank davon, dass die potentiellen Kosten einer Abkehr von der bankeigenen Geldschöpfung höher seien als deren Nutzen. Begründung: Die Banken könnten angeblich, wenn sie selbst kein Geld mehr schöpfen, nicht mehr genug „Liquidität“ bereitstellen. Wo ist der volkswirtschaftliche Nutzen der in Boom-Phasen fast unbegrenzt zur Verfügung stehenden „Liquidität“ der Banken? Ist es der ungehinderte Geldnachschub, um Spekulationsblasen im Immobiliensektor und bei Wertpapieren aufzublasen? Warum fließt nur ein kleiner Teil der Bankkredite in die Realwirtschaft? Gibt es nicht enorme Beträge auf Sparkonten, die von den Banken als Intermediäre weiterverliehen werden können? Gibt es nicht durch das Internet und neue Crowdfunding-Plattformen ganz neue Möglichkeiten, Geld weiter zu verleihen? Und wie viel Geld könnte eine Volkswirtschaft sparen, wenn sie nicht in immer kürzeren Abständen teure Bankenrettungen finanzieren müsste? Theoretisch könnte die Zentralbank in einem Vollgeldsystem die Banken genauso mit Geld fluten wie heute. Sie wird es aber nicht mehr machen müssen! Das liegt daran, dass die Geldproduktion in einem Vollgeldsystem wesentlich stabiler funktionieren wird und auch zielgerechter zugunsten der Realwirtschaft eingesetzt werden kann. Einige Spekulationsgeschäfte werden nicht mehr genügend „Liquidität“ zur Verfügung haben, aber das halten wir für volkswirtschaftlich eher nützlich als schädlich.

Gibt es bessere Instrumente, um Banken zu regulieren?

Die Bundesbank führt an, dass andere Regulierungen besser geeignet  seien, um unser Geldsystem zu optimieren. Solche Maßnahmen könnten, wenn noch nötig, auch in einem System ohne Banken-Geldschöpfung angewendet werden, zum Beispiel Eigenkapitalvorschriften für Banken. Aber: Wenn im Geldsystem die Banken für die Geldproduktion zuständig sind und das gesamte System am Kredittropf der Banken hängt, werden sich von den zahllosen Banken-Lobbyisten immer systemische Gründe finden lassen, eine für Banken als lästig empfundene Regulierung zu verhindern. Und da im Krisenfall der Zahlungsverkehr zusammenbricht,  werden sie dann immer wieder gerettet, wie es trotz der „Europäischen Bankenunion“ kürzlich in Italien (Monte dei Paschi di Siena) wieder gemacht wurde.  So haben die Banken ein Nötigungspotential, das marktwirtschaftlichen Prinzipien widerspricht und das Fundament eines modernen, demokratischen Staatswesens gefährdet. Das Geld, das uns allen dienen soll, darf unserer Meinung nach nicht mehr durch selbst gewinnmaximierende private Akteure bereitgestellt werden.

Wer darf in einer modernen Demokratie Geld schöpfen?

Wir wünschen uns, dass der große Sachverstand der Bundesbank dafür eingesetzt wird, sich intensiver als bisher mit der Frage auseinanderzusetzen: An welcher Stelle ist die Kompetenz zur Geldschöpfung am besten angesiedelt: Bei einer öffentlichen Stelle oder bei privaten Banken. Dazu gehört auch die ernsthafte Beschäftigung mit dem gut begründeten Reformvorschlag Vollgeld. Die im Monatsbericht April 2017 angeführten Argumente beziehen sich auf den Reformvorschlag 100%-Geld aus dem Jahr 1935 (!). Dass so ein Vorschlag nicht mehr unserer Zeit entspricht, ist nicht weiter verwunderlich. Das darf aber nicht als Begründung dafür dienen, eine fundierte Diskussion über die dringend notwendige Modernisierung unseres Geldsystems zu unterlassen. Diese Diskussion muss nicht nur in der Bundesbank, sondern auch in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft geführt werden.

Klaus Karwat, für den Vorstand Monetative e.V.

 (Die Stellungnahme als pdf hier)

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Sekretariat Monetative

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Bericht zum internationalen Geldreformer-Treffen in Berlin

Stan Jourdan, der bisherige INternationale Koordinator

Stan Jourdan, der bisherige INternationale Koordinator

Vergangenes Wochenende, vom 17.-19. Februar haben wir in Berlin ein Treffen der internationalen Geldreformbewegung (International Movement for Monetary Reform = IMMR) ausgerichtet und möchten in diesem Blogbeitrag von den Inspirationen, Erfolgen und Begegnungen berichten.

Der Hintergrund:

Ein erstes IMMR Treffen hatte genau ein Jahr zuvor in Brüssel stattgefunden, ausgerichtet von unserer Schwesterorganisation Positive Money zum Weitergeben ihrer Erfahrungen und Erfolgspraktiken (hier ein Bericht dazu). Generell hatte Positive Money als wohl größte und bedeutendste Vollgeldbewegung in den letzten Jahren die Führung übernommen, das IMMR errichtet und vor anderthalb Jahren Stan Jourdan als internationalen Koordinator eingestellt. Bedauerlicherweise war die Finanzierung für Stans Stelle jedoch mittlerweile ausgelaufen und er mit anderen Aufgaben vollauf beschäftigt. Dazu kam, dass ihm alleine im Prinzip die Legitimation fehlte, Entscheidungen im Namen des IMMR zu treffen, etwa bezüglich der Aufnahme neuer Mitgliedsländer. Daher stand das IMMR zuletzt vor großen Unsicherheiten und strukturellen Problemen. Da jedoch bisher kein zweites Treffen in Sicht war, hatten wir uns als Monetative e.V. entschieden, vor diesem Hintergrund selber die Initiative zu ergreifen und ein zweites IMMR Vernetzungstreffen in Berlin auszurichten.

HerkunftsLänder der Teilnehmer

HerkunftsLänder der Teilnehmer

Ziel des Treffens war somit einerseits das gegenseitige Kennenlernen und Vernetzen aber andererseits vor allem auch der Aufbau stärkerer Strukturen der internationalen IMMR Dachorganisation und dazu die Errichtung einer "Core Group", die dies koordiniert.
Gut 40 Teilnehmer aus über 20 Ländern nahmen schließlich an dem Treffen teil. Die meisten kamen aus dem Euroraum, aber es gab auch Vertreter aus ferneren Ländern wie Südafrika, Israel oder den USA.

Verlauf und Programm:

Das Programm begann Freitag Nachmittag mit mehreren kurzen Impuls-Kurzvorträgen zu verschiedensten Themen und Ideen. Lars aus Schweden berichtete beispielsweise von erfolgreichen Treffen mit der schwedischen Riksbank, die dadurch angeregt nun das Thema digital cash proaktiv aufgreift. Joseph Huber stellte sein neues Buch „Sovereign Money“ vor. Angela aus Spanien zeigte künstlerische Grafiken, um damit Menschen für das Thema Geldreform zu erreichen und Luuk aus den Niederlanden stellte deren brandneues Gesellschaftsspiel „The Money Makers“ vor, in dem die Mitspieler sich in die Rolle von Banken begeben, die wild spekulieren und dabei schließlich eine Finanzblase entstehen lassen. Ein Exemplar hatte er auch dabei, das an den Abenden intensiv bespielt wurde und sehr viel Begeisterung und auch Erkenntnisgewinn unter den Spielern hervorrief. In den nächsten Monaten soll das Spiel auch auf Deutsch und Englisch übersetzt werden und wir können es kaum erwarten, auch in Deutschland bald Exemplare zu verkaufen und zu bespielen!

Nach den Impulsvorträgen verbrachten wir den Rest des Abends mit einer Vorstellungsrunde, in der die verschiedenen Gruppen von ihrem Stand, ihren Herausforderungen und Erfolgen berichteten. Dabei war es sehr interessant, die Verschiedenartigkeit der Gruppen und der Teilnehmer wahrzunehmen. Von jung bis alt, Wissenschaftler über Künstler war es sehr spannend, die verschiedenen Herangehensweisen der Gruppen an das Thema Geldreform zu beobachten. Gerade die Diversität der Gruppen bietet natürlich extrem viel Potenzial für Vernetzung und Austausch der jeweiligen Stärken.

Abschließend spielte Stig aus Dänemark mit seiner Gitarre noch ein selbstkomponiertes Lied über Banker und den Wahnsinn des Geldsystems, ein wirklich stimmiger Abschluss für den ersten Tag!

Der Samstag begann mit einer offenen Fishbowl-Diskussion zur Zukunft des IMMR und den diversen Bedürfnissen, Herausforderungen und Ideen der Anwesenden. Nach diesem sehr offenen Format ging es nach dem Mittagessen weiter in Kleingruppen, in denen verschiedene Punkte diskutiert wurden, wie etwa die Kriterien für die Aufnahme neuer Mitgliedsländer, die Errichtung einer „Core Group“ als Quasi-Vorstand oder auch die Verabschiedung einer offiziellen IMMR Charta. Die Ergebnisse der Kleingruppen wurden dann zusammengeführt und in Fokusgruppen zu den jeweiligen Themen vertieft, um konkrete Vorschläge zu erarbeiten. Am späteren Nachmittag gab es verschiedene „Open Spaces“, um sich entweder ganz anderen Themen und Ideen zu widmen oder um die Arbeit der Fokusgruppen weiter zu vertiefen. Nach einem langen Arbeitstag und dem Abendessen war es schließlich Zeit für etwas Unterhaltungsprogramm. Dafür hatten wir einen professionellen Zauberer engagiert, der im Gegensatz zu den Geschäftsbanken, die ja „nur“ Giralgeld schöpfen können, sogar echtes Bargeld aus dem Nichts zaubern konnte. Da staunten die Teilnehmer nicht schlecht!

Danach ließen die meisten den Abend gemütlich bei einem Kneipenbesuch und etwas Bier ausklingen oder spielten das „Money Makers“ Brettspiel. Lediglich die Fokusgruppe zur „Core Group“ arbeitete noch länger weiter und diskutierte deren Ausgestaltung und Aufgabenprofil.

Am Sonntag morgen wurde als Ergebnis ein konkreter Vorschlag für die „Core Group“ vorgestellt und nach einer angeregten Diskussion schließlich beschlossen! Daraufhin wurden die sieben Mitglieder der Core Group über ein sehr interessantes Konsent-Verfahren gewählt, darunter Vertreter aus Island, Schweden, den Niederlanden, Südafrika, Griechenland, Kroatien und auch ich, Lino Zeddies aus Deutschland.

Die frisch gewählte IMMR Core Group

Die frisch gewählte IMMR Core Group

Als die Core Group endlich stand, machte sich große Erleichterung und Begeisterung breit, denn deren Errichtung war eines der Hauptziele des Treffens gewesen und machte nun den Weg frei für eine erfolgreiche Zukunft des IMMR.
Während daraufhin sogleich das erste Treffen der Core Group stattfand, gab es für die anderen noch einmal „Open Spaces“ für verschiedenste Themen von Geldreform in der Eurozone über den gemeinsamen Aufbau von Datenbanken bis Social Media. 
Daraufhin wurden Ideen aus der ersten Core Group Sitzung zur Aufnahme neuer Mitgliedsländer präsentiert und von den Anwesenden auch gleich noch die Aufnahme einer Gruppe aus Italien ins IMMR offiziell beschlossen und gefeiert!

Abschluss, Fazit, Ausblick

Zum Abschluss fand im Stuhlkreis eine kurze Abschlussrunde zu Nachgedanken und Fazit des Treffens statt („I’m looking forward to looking back to this meeting“) sowie eine kleine Aufstellung im Raum unter anderem hinsichtlich der Gesamtzufriedenheit, der Erschöpfung und dem Optimismus für die Zukunft des IMMR. Das Ergebnis: Alle waren mit dem Treffen sehr zufrieden, die Erschöpfung war sehr unterschiedlich (vor allem bei den Organisatoren aber ganz erheblich) und alle waren höchst optimistisch hinsichtlich der Zukunft des IMMR. Ein fantastischer Abschluss - mehr hätten wir uns als Ausrichter des Treffens wohl kaum wünschen können!

Erfreulich war auch noch, dass dank solidarischer, selbst-bestimmter Geldbeiträge der Teilnehmer am Ende des Treffens die Finanzen genau ausgeglichen waren und unser Verein somit auf keinen ungeplanten Kosten sitzen bleibt. Auch dies war ein schöner Ausdruck der erfolgreichen, solidarischen Zusammenarbeit und des Vertrauens. Zudem hatte es sehr gut funktioniert, viele der Teilnehmer in die Organisation vor Ort durch Freiwilligenteams einzubinden (z.B: Kaffee & Tee bereitstellen, Geschirrspüler ausräumen, Pausen/Zeit überwachen). Dies sparte nicht nur zusätzliche bezahlte Helfer ein, sondern förderte auch das Gemeinschaftsgefühl. Und zu guter Letzt hatten die verschiedenen interaktiven und teils selbstorganisierten Diskussionsformate und Methoden (Fishbowl, Open Spaces, Konsent-Wahl…) hervorragend funktioniert und das volle kreative Potenzial der Gruppe entfalten können.

Das Treffen war somit ein voller Erfolg und hinterlässt uns mit vielen neuen Impulsen und frischer Motivation. Wir sind höchst gespannt, was die nächste Zeit für die internationale Geldreformbewegung bringen wird und welche Überraschungen, Ideen und Erfolge auf uns warten. Bei dem positiven, kreativen Potenzial, das sich auf der ganzen Welt zum Thema Geldreform versammelt hat, sind wir jedoch voller Optimismus, dass ein neues, besseres Geldsystem im Dienst der Menschheit möglich und erreichbar ist!

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Sekretariat Monetative

Die Wurzel der aktuellen Banken- und Staatsschuldenkrise liegt im Geldsystem. Es erzeugt überschießend Kredit und fördert damit Spekulationsblasen ebenso wie Inflation und die Überschuldung vieler Beteiligter, nicht zuletzt die des Staates und der Banken selbst. Finanz- und Realwirtschaft können nur funktionieren auf der Grundlage einer stabilen und gerechten Geldordnung. Deshalb setzen wir uns ein für Geldschöpfung in öffentliche Hand 1. die Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung in der Verantwortung der unabhängigen Zentralbank 2. die Beendigung der Giralgeldschöpfung der Banken 3. die Inumlaufbringung neu geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben.

EZB-Negativzinsen sind kein Grund für höhere Kontogebühren

Unser Geldsystem wird immer widersprüchlicher: Die EZB verlangt derzeit von den Banken Negativzinsen für Guthaben, die die Banken auf ihren Konten bei der EZB halten. Dies dient als Begründung dafür, warum Banken jetzt Gebühren für Konten erhöhen, die wir Bankkunden bei den Banken halten. Diese Argumentation hat allerdings einen Haken: Unsere Guthaben bei den Banken sind nur mit einer Mindestreserve von 1% bei der Zentralbank gedeckt. 99% unserer Kontoguthaben haben nichts mit dem Zentralbankgeld der EZB zu tun, und die Banken müssen dafür auch keine Negativzinsen zahlen. Die Negativzinsen der EZB für Banken können also nicht der Grund für höhere Kontogebühren sein. Timm Gudehus weist in einem Artikel im Februarheft der renommierten "Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen" auf diesen Widerspruch hin, lesen Sie hier.

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Die Wurzel der aktuellen Banken- und Staatsschuldenkrise liegt im Geldsystem. Es erzeugt überschießend Kredit und fördert damit Spekulationsblasen ebenso wie Inflation und die Überschuldung vieler Beteiligter, nicht zuletzt die des Staates und der Banken selbst. Finanz- und Realwirtschaft können nur funktionieren auf der Grundlage einer stabilen und gerechten Geldordnung. Deshalb setzen wir uns ein für Geldschöpfung in öffentliche Hand 1. die Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung in der Verantwortung der unabhängigen Zentralbank 2. die Beendigung der Giralgeldschöpfung der Banken 3. die Inumlaufbringung neu geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben.

Bleiben Sie dran am Geldthema, Herr Plasberg!

Sehr geehrter Herr Plasberg,

Sie haben am 24.10.2016 in Ihrer Sendung "Hart-aber-fair" versucht, den "Nebel über das Geld" ein wenig zu lüften. Ab ca. Minute 48 durfte Prof. Thomas Mayer sogar in zwei Minuten erklären, dass in unserem Geldsystem die Banken selbst Geld schöpfen. Viel zu kurz natürlich, deswegen verstanden selbst Sie das nicht. Ab Minute 50 wiegelte Uwe Fröhlich vom Verband der Genossenschaftsbanken gleich ab: das sei nicht bedenklich, es gäbe ja jetzt in der Europäischen Bankenunion einen Fonds, der gefährdete Banken rettet. Weit gefehlt: Kurz vor Weihnachten wurde wieder eine Bank mit zig Milliarden Euro öffentlichen Steuergeldern gerettet: Die italienische Bank "Monte dei Paschi di Siena". Deswegen: Bleiben Sie dran, Herr Plasberg: Vertiefen Sie das Thema, woher denn unser Geld überhaupt kommt. Und warum unser Finanzsystem so krisenanfällig ist.

Mit freundlichen Grüßen

Klaus Karwat, Monetative e.V.

Für alle Leser dieses Blogs: Wir alle finanzieren die öffentlich-rechtlichen Sender mit unseren Gebühren. Schreiben deswegen auch Sie an hart-aber-fair@wdr.de. Und fordern sie weitere Aufklärung darüber, wie unser Geldsystem funktioniert. Die Sendung vom 24.10. muss vertieft fortgesetzt werden!

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Sekretariat Monetative

Die Wurzel der aktuellen Banken- und Staatsschuldenkrise liegt im Geldsystem. Es erzeugt überschießend Kredit und fördert damit Spekulationsblasen ebenso wie Inflation und die Überschuldung vieler Beteiligter, nicht zuletzt die des Staates und der Banken selbst. Finanz- und Realwirtschaft können nur funktionieren auf der Grundlage einer stabilen und gerechten Geldordnung. Deshalb setzen wir uns ein für Geldschöpfung in öffentliche Hand 1. die Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung in der Verantwortung der unabhängigen Zentralbank 2. die Beendigung der Giralgeldschöpfung der Banken 3. die Inumlaufbringung neu geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben.

Vollgeld als Thema bei Aachener Design-Studenten

Das Thema Geld beschäftigte das Erwachsenenprogramm der ev. Kirchengemeinde Aachen am 3. Dezember. Nach einer Begrüßung erfuhren ca. 40 Teilnehmer durch einen Referenten des Vereins Monetative e.V. Berlin in einer Mixtur aus Vortrag und reger Diskussion von dem Vollgeld-Projekt. Nach einer kleinen Pause stellte die Professorin Frau Vitting mit ihren Studentinnen und Studenten ihre vor zwei Semestern durchgeführten Seminararbeiten im Fach Design zum Thema Vollgeld vor. Dem Vortrag schloß sich ein Rundgang in die Ausstellungsräume an, in denen die Exponate gezeigt wurden. Den Abschluß bildete eine Plenumsdiskussion, die sehr engagiert und interessiert geführt wurde. Die Thematik Vollgeld genoß sehr viele Sympathien, ausgeteilte Broschüren und ein Büchertisch einer Aachener Buchhandlung ermöglichten eine weiterführende Vertiefung. Im Frühjahr ist eine Seminarreihe zum Thema Geld geplant, die in Vorträgen und durch Bearbeitung von exemplarischen Texten umfangreich über die Geschichte des Geldes, Finanzkrisen bis zu alternativen Geldformen informieren soll. Im Rahmen des Bundestagswahlkampfes wird die evangelische Kirchengemeinde zur Wahl stehende Politiker der Stadt und des Kreises Aachen einladen, wobei auch Vollgeld thematisiert werden wird.

Wer sich für Vollgeld in Aachen und Umgebung interessiert, wende sich an Detlef Baer, Vollgeld-Initiative Aachen (Kontakt: vollgeld.aachen@gmail.com).

Eindrücke der Seminar-Arbeiten zu Stichworten wie Kryptowährung, Geldschöpfung, Zahlungsverkehr und Lobbyismus der Banken und mehr können Sie hier finden bzw. unter: vitting.design.fh-aachen.de/informationsdesign/finanzsysteme/

 

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Sekretariat Monetative

Die Wurzel der aktuellen Banken- und Staatsschuldenkrise liegt im Geldsystem. Es erzeugt überschießend Kredit und fördert damit Spekulationsblasen ebenso wie Inflation und die Überschuldung vieler Beteiligter, nicht zuletzt die des Staates und der Banken selbst. Finanz- und Realwirtschaft können nur funktionieren auf der Grundlage einer stabilen und gerechten Geldordnung. Deshalb setzen wir uns ein für Geldschöpfung in öffentliche Hand 1. die Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung in der Verantwortung der unabhängigen Zentralbank 2. die Beendigung der Giralgeldschöpfung der Banken 3. die Inumlaufbringung neu geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben.

Workshop-Bericht „Geldsystem, Wachstumszwang und Nachhaltigkeit“

Am 23. Sept. fand der Fachworkshop „Geldsystem, Wachstumszwang und Nachhaltigkeit“ statt, vom „Institut für ökologische Wirtschaftsforschung“ (IÖW) und der „Monetative e.V.“ gemeinsam geplant und organisiert und in den Räumen des IÖW durchgeführt. Insgesamt haben gut 25 Personen aus dem einschlägigen Umfeld aus Forschungsinstituten, Zivilgesellschaft und Verbänden zusammengefunden und sich zu vielen interessanten Fragen ausgetauscht..

Der Workshop war gegliedert in drei Schwerpunkte (hier auch das Programm):

  1. Übt das bestehende Geldsystem einen Wachstumszwang oder Wachstumsdrang aus?
  2. Soziale Nachhaltigkeit und Verteilungsdynamik des Geldsystems
  3. Ausgewählte Reform‐Vorschläge (Vollgeld und Weitere)

Diese Blöcke wurden jeweils von einem kurzen ~10 min Impulsvortrag eingeleitet, gefolgt von reichlich Diskussion.

Markus Duscha beim ersten Vortrag zur ORIENTIERung

Markus Duscha beim ersten Vortrag zur ORIENTIERung

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde gab Markus Duscha vom Fair Finance Institute i.Gr. den ersten Vortrag zur Orientierung und als Einstieg in den Themenkomplex. Dabei stellte er Geld und Nachhaltigkeit in einen Zusammenhang, indem er Geld und Finanzen als eigentliche Subsysteme der Umwelt interpretierte – in Abgrenzung zur geläufigen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit.

Den ersten Schwerpunkt-Block begann Sebastian Strunz vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig und lieferte einen Überblick über verschiedene theoretische Zugänge zu der Frage, ob und wie in einer Geldwirtschaft ein Wachstumszwang bzw. –drang ausgeübt wird. Das Spektrum reicht von der Perspektive des vollkommen neutralen Geldes (Geldschleier) bis zur Wahrnehmung des Geldes als zentralem und ausschlaggebendem Momentum. Nach seiner Meinung ist Geld ein derart komplexes System, dass es durch eine Theorie alleine gar nicht erfasst werden kann, es vielmehr einer Zusammenschau mehrerer Theorien bedarf.

Dem widersprach Andreas Siemoneit vom Netzwerk Wachstumswende, Vereinigung für Ökologische Ökonomie (VÖÖ) im nächsten Impulsvortrag. Er hält eine Pluralität von Wachstumszwangtheorien nicht für zielführend, dagegen eine Hierarchisierung von Ursachen des Wachstums in Haupt- und Nebenursachen für sinnvoll. Nach seiner Auffassung erwächst ein Wachstumszwang eher aus der Neigung zu Ersparnis, also Geldhortung in einem Kreditgeldsystem und der Tendenz zur Akkumulation von Geld, denn aus dem Geldsystem als solchem. Für ihn hat hingegen die Kontrolle und Regulierung des Ressourcenverbrauchs absolute Priorität.

Rege Diskussionen in der Pause

Rege Diskussionen in der Pause

Zum Einstieg in den zweiten Schwerpunkt gab es einen Impulsvortrag von Dag Schulze zu sozialer Nachhaltigkeit und der Verteilungsdynamik des Geldsystems. Unter Bezugnahme auf Argumentation und Graphiken von Helmut Creutz zeigte er Verteilung und Entwicklung von Einkommen und Vermögen in Deutschland auf. Dabei ist bei beidem eine klare Polarisation erkennbar; d.h. die Reichen werden reicher und die Armen ärmer. Creutz und auch Schulze führen diesen Effekt auf das bestehende Geldsystem, insbesondere aber auf den ihm innewohnenden Zins und Zinseszins zurück. Das bestehende Geld(system) ist nicht verteilungsneutral, sollte es aber sein. Er hält einen radikalen Wandel für notwendig hin zu einem „Gleichgewichtsgeld“, welches Grundeinkommen, Umlaufsicherung und Vollgeld miteinander verbindet.

Der dritte Schwerpunkt wurde eingeleitet mit einem Kurzreferat von Prof. Joseph Huber über die Vollgeldreform unter Nachhaltigkeitsaspekten, welches aber krankheitsbedingt von Hans-Florian Hoyer verlesen wurde. Demnach hat der Zins zwar Allokations- und Verteilungswirkungen, allerdings ist er nicht davon überzeugt, dass davon auch ein Wachstumszwang ausgeht. Dieser habe seine Ursache eher in Erwartungen, die sich verselbständigen und steigern. Eine Alternative zum Allokationsmechanismus des Zinses sieht er bis heute nicht. Und auf eine Postwachstumsgesellschaft steuerten wir ohnehin zu.

Aufgrund der mangelnden Vertrautheit einiger Teilnehmer mit den Grundzügen der Vollgeldreform, gab Lino Zeddies noch einen kurzen Überblick dazu und daraufhin gab es eine angeregte Diskussion zum Vollgeld.

Abschließend stellte die Journalistin und Geschäftsführerin von „Monneta“ Kathrin Latsch weitere Reformvorschläge im Überblick dar: Bartersysteme, bei denen der Aus- bzw. Ringtausch von Rohstoffen, Gütern, Leistungen nur noch in Geld verrechnet, aber nicht mehr in diesem bezahlt wird, Zeitbanken und Tauschringe, die Arbeitsstunden verrechnen, das Schweizer WIR-System und die schwedische Jak-Bank, die jeweils auf Zinszahlungen für Kredite verzichten. Außerdem wurden in Kürze ordnungspolitische Regulatorien wie Vermögens- und Finanztransaktionssteuer, ethisches Banking und die Gemeinwohlökonomie gem. Christian Felber vorgestellt.

In den vielen lebhaften Diskussionen des Workshops zeichnete sich ab, dass weitgehend Konsens darüber besteht, dass das bestehende Geldsystem und der Zins starke Verteilungswirkungen haben, nicht aber, ob alleine daraus ein unmittelbarer Wachstumszwang erwächst, allerdings im Zusammenwirken mit technischer Innovation ein gewisser Wachstumsdrang (im Schumpeter’schen Sinne). Die überwiegende Mehrheit der Anwesenden konnte jedoch schließlich den nachfolgend genannten Thesen zustimmen:

1.    Das Geldsystem kommt in Schwierigkeiten, wenn es kein Wachstum gibt.
2.    Vermögensakkumulation und das Horten von Geld ist ein großes Problem.
3.    Vermögensakkumulation verursacht Wachstumsdrang.
4.    Das gegenwärtige Geldsystem verstärkt die Vermögens-Ungleichheit.

Einig waren sich am Ende aber alle darin, dass der Fachworkshop nur ein Auftakt war und dass es unbedingt weitergehen muss!
 

Weiterführende Literatur:

World Social Forum - 10. & 11. August 2016 in Montréal

Dinero Positivo, comer und monetative

Dinero Positivo, comer und monetative

Dieser Bericht beschreibt die Erlebnisse und Eindrücke, die ich, Manuel Klein, auf dem World Social Forum in Montréal gesammelt habe. Joseph Pilon, ein in Montréal ansässiger Kanadier, hatte auf eigene Faust Zeitslots und Räume in der Université du Québec à Montréal für Mitglieder der Dachorganisation "International Movement for Monetary Reform" (IMMR) organisiert. Somit konnten Manfred Freund (Positive Money, Spanien), Ann Emmet und Herb Wiseman (Comer, Kanada) und ich (Monetative) am 10. August Vorträge über den Aufbau des heutigen Geldsystems, das Vollgeldsystem als alternative Geldordnung und den Gerichtsprozess Comers gegen die Bank of Canada (Zentralbank Kanadas) halten und am darauffolgenden Tag über Möglichkeiten diskutieren, wie man gemeinsam strategisch im Namen des IMMR vorgehen kann, um Geldreformen voranzubringen.

Mehrere tausend besucher kamen zum world social forum

Mehrere tausend besucher kamen zum world social forum

Die Universität UQÀM (Université du Québec à Montréal) war der Austragungsort des diesjährigen World Social Forums. Zum ersten Mal in seiner dreizehnjährigen Geschichte tagte das Forum in einem westlichen Industriestaat, nachdem es bisher immer in Drittweltstaaten stattgefunden hat. Am 10. August fanden insgesamt drei Veranstaltungen im Namen des IMMR statt, die aus Vorträgen von Manfred Freund, Ann Emmet, Herb Wiseman und mir bestanden. Herb Wiseman (Comer) moderierte die Veranstaltungen und führte in das Thema Geld und Geldsystem ein, Manfred Freund (Dinero Positivo) stellte die Geschichte und den Aufbau des heutigen Geldsystems dar,  Ann Emmet stellte die Geschichte der kanadischen Zentralbank dar, sprach über den Rechtsstreit zwischen dem Verein Comer und der Bank of Canada und zeigte Videos aus einer öffentlichen Veranstaltung von Comer und dem Rechtsanwalt Rocco Galati, der die Klage gegen die Bank of Canada führt (unten als Video angeführt). Ich habe eine Präsentation über das heutige Geldsystem mit seinen zwei getrennten Geldkreisläufen gehalten, die resultierenden Probleme aufgezeigt und im Folgenden das Vollgeldsystem und seine Implikationen dargestellt. Die Zuhörer stellten interessante Fragen und ich habe gemerkt, dass sie neue Erkenntnisse bzgl. des Geldsystems und seinen Implikationen und Problemen erlangt haben. Besonders interessant waren die Darstellungen und Berichte von Ann Emmet von Comer über die Bank of Canada, über die ich nun berichten möchte.

https://www.fraserinstitute.org/blogs/a-really-quick-history-of-canada-s-federal-debt

https://www.fraserinstitute.org/blogs/a-really-quick-history-of-canada-s-federal-debt

http://www.michaeljournal.org/images/debtcan.jpg

http://www.michaeljournal.org/images/debtcan.jpg

Die Bank of Canada wurde Mitte der 30er Jahre gegründet, um dem Staat und den Gemeinden zinslose Kredite bereitzustellen. Bis zu 30 % der Ausgaben des Staates durften im Zeitraum von 1938 bis 1974 von der Zentralbank durch Geldschöpfung finanziert werden. Die kanadische Regierung finanzierte dadurch zum Beispiel ihre Aktivitäten im zweiten Weltkrieg oder den Trans-Canada-Highway und -Railway. Die Staatsverschuldung blieb über diese vier Jahrzehnte erstaunlich niedrig und wetestgehend stabil.

 

Ann Emmet beschrieb ihre Zeit als Highschool-Lehrerin als eine sehr erfüllte Zeit, da der Staat jegliche Ideen in der Bildung unterstützte und großzügig finanzierte. 1974 ordnete die Bank of Canada sich jedoch der Bank of International Settlement (Basel) unter, die ihr untersagte, den Staat zu finanzieren. Seitdem leiht sich der Staat das Geld bei privaten Geschäftsbanken, die es selber erzeugen, und muss auf dieses Geld Zinsen zahlen. Die Staatsverschuldung ist dadurch stetig angestiegen. 2015 lag sie laut Statista bei 91,5 % des BIP oder bei rund 630 Milliarden Can$. Das besondere an der Situation der Bank of Canada ist, dass sie bis heute gesetzlich dazu verpflichtet ist, dem Staat zinslose Kredite bereitzustellen. Diese Aufgabe und Pflicht übt sie jedoch seit 1974 nicht mehr aus. Aus den angehängten Grafiken geht die Staatsverschuldung Kanadas über den Zeitraum von 1936 bis in die Gegenwart hervor.

Die folgenden Videos geben einen tieferen Einblick in den Prozess der kanadischen Zentralbank aus der Perspektive von Ann Emmet (Comer), aber auch aus der rechtlichen Perspektive von Rocco Galati in Montreal (April 26, 2015) (Dauer ca. 2 Stunden) sowie in einem Interview im größten Nachrichten-Sender Kanadas "CBC News" (Dauer 17 Minuten).
Außerdem stellt eine Kurzdokumentation den Fall der kanadischen Zentralbank aus der Sicht von Bill Abram dar, einem bereits verstorbenen Comer-Mitglied. (25 Minuten)

Die Reise nach Canada hat sich nicht nur wegen der internationalen Vernetzung sehr gelohnt. Auch den Rechtsstreit comers mit der kanadischen Zentralbank aus erster Hand kennen zu lernen, war sehr interessant. Außerdem waren die gemeinsamen Diskussionen auch durch das mehrere Generationen umfassende Alter der Referenten sehr fruchtbar.

Ich möchte mich für die Möglichkeit, in Montreal auf dem World Social Forum sprechen zu dürfen, beim Verein Monetative bedanken und hoffe, die internationale Zusammenarbeit innerhalb des IMMR durch die Präsenz in Montreal weiter gestärkt zu haben.

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Sekretariat Monetative

Die Wurzel der aktuellen Banken- und Staatsschuldenkrise liegt im Geldsystem. Es erzeugt überschießend Kredit und fördert damit Spekulationsblasen ebenso wie Inflation und die Überschuldung vieler Beteiligter, nicht zuletzt die des Staates und der Banken selbst. Finanz- und Realwirtschaft können nur funktionieren auf der Grundlage einer stabilen und gerechten Geldordnung. Deshalb setzen wir uns ein für Geldschöpfung in öffentliche Hand 1. die Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung in der Verantwortung der unabhängigen Zentralbank 2. die Beendigung der Giralgeldschöpfung der Banken 3. die Inumlaufbringung neu geschöpften Geldes durch öffentliche Ausgaben.