Workshop-Bericht „Geldsystem, Wachstumszwang und Nachhaltigkeit“

Am 23. Sept. fand der Fachworkshop „Geldsystem, Wachstumszwang und Nachhaltigkeit“ statt, vom „Institut für ökologische Wirtschaftsforschung“ (IÖW) und der „Monetative e.V.“ gemeinsam geplant und organisiert und in den Räumen des IÖW durchgeführt. Insgesamt haben gut 25 Personen aus dem einschlägigen Umfeld aus Forschungsinstituten, Zivilgesellschaft und Verbänden zusammengefunden und sich zu vielen interessanten Fragen ausgetauscht..

Der Workshop war gegliedert in drei Schwerpunkte (hier auch das Programm):

  1. Übt das bestehende Geldsystem einen Wachstumszwang oder Wachstumsdrang aus?
  2. Soziale Nachhaltigkeit und Verteilungsdynamik des Geldsystems
  3. Ausgewählte Reform‐Vorschläge (Vollgeld und Weitere)

Diese Blöcke wurden jeweils von einem kurzen ~10 min Impulsvortrag eingeleitet, gefolgt von reichlich Diskussion.

Markus Duscha beim ersten Vortrag zur ORIENTIERung

Markus Duscha beim ersten Vortrag zur ORIENTIERung

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde gab Markus Duscha vom Fair Finance Institute i.Gr. den ersten Vortrag zur Orientierung und als Einstieg in den Themenkomplex. Dabei stellte er Geld und Nachhaltigkeit in einen Zusammenhang, indem er Geld und Finanzen als eigentliche Subsysteme der Umwelt interpretierte – in Abgrenzung zur geläufigen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit.

Den ersten Schwerpunkt-Block begann Sebastian Strunz vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig und lieferte einen Überblick über verschiedene theoretische Zugänge zu der Frage, ob und wie in einer Geldwirtschaft ein Wachstumszwang bzw. –drang ausgeübt wird. Das Spektrum reicht von der Perspektive des vollkommen neutralen Geldes (Geldschleier) bis zur Wahrnehmung des Geldes als zentralem und ausschlaggebendem Momentum. Nach seiner Meinung ist Geld ein derart komplexes System, dass es durch eine Theorie alleine gar nicht erfasst werden kann, es vielmehr einer Zusammenschau mehrerer Theorien bedarf.

Dem widersprach Andreas Siemoneit vom Netzwerk Wachstumswende, Vereinigung für Ökologische Ökonomie (VÖÖ) im nächsten Impulsvortrag. Er hält eine Pluralität von Wachstumszwangtheorien nicht für zielführend, dagegen eine Hierarchisierung von Ursachen des Wachstums in Haupt- und Nebenursachen für sinnvoll. Nach seiner Auffassung erwächst ein Wachstumszwang eher aus der Neigung zu Ersparnis, also Geldhortung in einem Kreditgeldsystem und der Tendenz zur Akkumulation von Geld, denn aus dem Geldsystem als solchem. Für ihn hat hingegen die Kontrolle und Regulierung des Ressourcenverbrauchs absolute Priorität.

Rege Diskussionen in der Pause

Rege Diskussionen in der Pause

Zum Einstieg in den zweiten Schwerpunkt gab es einen Impulsvortrag von Dag Schulze zu sozialer Nachhaltigkeit und der Verteilungsdynamik des Geldsystems. Unter Bezugnahme auf Argumentation und Graphiken von Helmut Creutz zeigte er Verteilung und Entwicklung von Einkommen und Vermögen in Deutschland auf. Dabei ist bei beidem eine klare Polarisation erkennbar; d.h. die Reichen werden reicher und die Armen ärmer. Creutz und auch Schulze führen diesen Effekt auf das bestehende Geldsystem, insbesondere aber auf den ihm innewohnenden Zins und Zinseszins zurück. Das bestehende Geld(system) ist nicht verteilungsneutral, sollte es aber sein. Er hält einen radikalen Wandel für notwendig hin zu einem „Gleichgewichtsgeld“, welches Grundeinkommen, Umlaufsicherung und Vollgeld miteinander verbindet.

Der dritte Schwerpunkt wurde eingeleitet mit einem Kurzreferat von Prof. Joseph Huber über die Vollgeldreform unter Nachhaltigkeitsaspekten, welches aber krankheitsbedingt von Hans-Florian Hoyer verlesen wurde. Demnach hat der Zins zwar Allokations- und Verteilungswirkungen, allerdings ist er nicht davon überzeugt, dass davon auch ein Wachstumszwang ausgeht. Dieser habe seine Ursache eher in Erwartungen, die sich verselbständigen und steigern. Eine Alternative zum Allokationsmechanismus des Zinses sieht er bis heute nicht. Und auf eine Postwachstumsgesellschaft steuerten wir ohnehin zu.

Aufgrund der mangelnden Vertrautheit einiger Teilnehmer mit den Grundzügen der Vollgeldreform, gab Lino Zeddies noch einen kurzen Überblick dazu und daraufhin gab es eine angeregte Diskussion zum Vollgeld.

Abschließend stellte die Journalistin und Geschäftsführerin von „Monneta“ Kathrin Latsch weitere Reformvorschläge im Überblick dar: Bartersysteme, bei denen der Aus- bzw. Ringtausch von Rohstoffen, Gütern, Leistungen nur noch in Geld verrechnet, aber nicht mehr in diesem bezahlt wird, Zeitbanken und Tauschringe, die Arbeitsstunden verrechnen, das Schweizer WIR-System und die schwedische Jak-Bank, die jeweils auf Zinszahlungen für Kredite verzichten. Außerdem wurden in Kürze ordnungspolitische Regulatorien wie Vermögens- und Finanztransaktionssteuer, ethisches Banking und die Gemeinwohlökonomie gem. Christian Felber vorgestellt.

In den vielen lebhaften Diskussionen des Workshops zeichnete sich ab, dass weitgehend Konsens darüber besteht, dass das bestehende Geldsystem und der Zins starke Verteilungswirkungen haben, nicht aber, ob alleine daraus ein unmittelbarer Wachstumszwang erwächst, allerdings im Zusammenwirken mit technischer Innovation ein gewisser Wachstumsdrang (im Schumpeter’schen Sinne). Die überwiegende Mehrheit der Anwesenden konnte jedoch schließlich den nachfolgend genannten Thesen zustimmen:

1.    Das Geldsystem kommt in Schwierigkeiten, wenn es kein Wachstum gibt.
2.    Vermögensakkumulation und das Horten von Geld ist ein großes Problem.
3.    Vermögensakkumulation verursacht Wachstumsdrang.
4.    Das gegenwärtige Geldsystem verstärkt die Vermögens-Ungleichheit.

Einig waren sich am Ende aber alle darin, dass der Fachworkshop nur ein Auftakt war und dass es unbedingt weitergehen muss!
 

Weiterführende Literatur: